Leben auf 50%- Basis?

Ingo @, Wednesday, 31.10.2007, 10:54 (vor 6869 Tagen)

Hallo liebe Leidensgenossen,
ich lese hier die Beiträge und bin schockiert über die Akzeptanz und Problematik unserer Krankheit durch die Gesellschaft. Ich kämpfe nun auch seit mehr als 4 Jahren darum, mich meiner Kranheit anzunehmen und diese zu akzeptieren. Es ist nicht immer leicht die Vorverurteilung zu verarbeiten bzw zu verstehen. Ich will hier um Gottes Willen jemanden Angst machen, im Gegenteil, ich möchte mit meinen Erfahrungen helfen können und auch Hilfe annehmen. Jedenfalls hatte ich 2003, durch einen Anfall, einen folgenschweren Arbeitsunfall der mein Leben je verändern sollte. Ich merkte sehr schnell wer Freund und Feind ist. Am Anfang war es sehr schmerzhaft den Kontakt zu sog. "Freunden" ein wenig zu verlieren, aber Schei... drauf, dann waren es auch keine. Auch die Jobsuche ist nicht ganz so einfach, aber auch da habe ich mich engagiert. Ich bin zu Gesprächen wirklich selbstbewußt eingelaufen und habe offen über meine Krankheit gesprochen. Die Resonanz war, sehr zu meines Erstaunens, mehr positiv als negativ. Aber das muß jeder für sich selbst entscheiden, ob er offen damit umgeht oder nicht. Ich sage Euch, nur Mut. Denn im Grunde müssen wir damit leben. Schade, das Epilepsie hier zu Lande falsch verstanden wird und die Patienten oft diffamiert werden. Viele sagen ja, wir seien Aliens mit Schaum vor dem Mund, aber es ist nicht nur die Unwissenheit der Leute die sie zu solchen Aussagen bringt, sondern auch das Versagen der richtigen Aufklärung. Aber deshalb 50% Lebensqualität aufgeben, NEIN DANKE. Ich muß auch für einen sehr langen Zeitraum täglich 2x Ergenyl chrono 500 mg einwerfen, was sich aber mittlerweile als normales Ritual, wie das Zähne putzen, gefestigt hat. Habe jetzt auch wieder einen Job gefunden, zwar nicht meine gelernte Tätigkeit, aber ich sage Euch, EIN KLEINER SCHRITT FÜR DIE MENSCHEIT, EIN GROßER SCHRITT FÜR MICH SELBST. Kämpft und bleibt tapfer. Eine lange anfallsfreie Zeit wünscht Euch Ingo

Re: Leben auf 50%- Basis?

Anton @, Wednesday, 31.10.2007, 13:33 (vor 6869 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,
wir sind keine Leidensgenossen, denn wir leiden nicht. Mit Deinem Beitrag hast Du Licht in dieses Forum gebracht. Herzlichen Glückwunsch! Ich schließe mich Deiner Meinung an. Mit dem "Kopf hängen lassen" und "Mitleid suchen" kommt man nicht weit. Das Gegenteil habe ich erlebt. Ich zumindestens stand immer sehr schnell alleine da, wenn ich mal klagte. Ich habe Gottfried Keller gebracht: "Neider machen Leute." Wenn es nach außen den Anschein erweckt, dass es einem sehr gut geht, hat man komischerweise Neider und ist begehrt und hat auch "Freunde". Das ist aus meiner Sicht die bessere Lösung.
Ich bin auch den Weg eingeschlagen, den Du von dir beschreibst. Als ich mit 25 Jahren an Epilepsie erkrankte, hatte ich keine Zeit dafür. Für mich war es ein Tabu-Thema, das nicht an die Öffentlichkeit durfte, weil sonst der Respekt vor mir dahingewesen wäre. Als mich diese Krankheit in den ersten Jahren begleitete, hatten noch viele Bürger die von Goebbels inszenierten Filmaufnahmen im Kopf, die die Epilepsiekranken zur Euthansie freigeben sollten. In diesen Filmen wurden Epilepsiekranke in Heil- und Pflegeheimen gezeigt. Wer diese Aufnahmen nur ein einziges Mal gesehen hatte, hatte ein falsches Bild von dieser Gruppe. Bis 1945 sind jede Menge davon sterilisiert worden. Sie zählten damals zu den Irren. Dieses Gedankengut war damals noch tief verwurzelt in den Köpfen der Bürger.
Für mich ist es seinerzeit wichtig gewesen, die Inverse dessen zu bringen, was meine Mitbürger von mir erwarteten. Bei Ausbruch der Krankheit war ich 25, verheiratet, hatte Frau und 2 Kinder, hatte ein Unternehmen aus 2 Betrieben mit ca. 20 Mitarbeitern, die Gesamtsituation hat seinerzeit nicht erlaubt, einfach nein zu sagen, ich bin krank, es geht nicht weiter. Meine Frau und ich sind erst in Frieden auseinander gegangen, nachdem sie und unsere Kinder mit dem Studium fertig waren und einen Arbeitsplatz hatten. Das habe ich 34 Jahre durchgehalten, dann ging es nicht mehr, im letzten Jahr habe ich mich operieren lassen und bin heute nach 17 Monaten gottseidank immer noch anfallsfrei.
Ziel und Zweck meiner Ausführungen soll sein, allen Mut zu machen und zu zeigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Und alle, die noch nicht am Ziel sind, ich meine damit die heute noch Gesunden, wissen nicht, was auf sie noch zukommt.
Ich danke dir nochmals für die positive Berichterstattung des Ganzen. Du hast uns damit in Kürze verbal skizzieren können, wie man es zu machen hat und wie nicht.
Herzliche Grüße
Anton

Meine Freundin Martina am 24 Oktober daran verstorben

Stefan @, Friday, 02.11.2007, 11:11 (vor 6867 Tagen) @ Ingo

Meine Freundin Martina ist am 24 Oktober daran vorstorben. Ich fühle mich leer.