Re: Leben auf 50%- Basis?

Anton @, Wednesday, 31.10.2007, 13:33 (vor 6869 Tagen) @ Ingo

Hallo Ingo,
wir sind keine Leidensgenossen, denn wir leiden nicht. Mit Deinem Beitrag hast Du Licht in dieses Forum gebracht. Herzlichen Glückwunsch! Ich schließe mich Deiner Meinung an. Mit dem "Kopf hängen lassen" und "Mitleid suchen" kommt man nicht weit. Das Gegenteil habe ich erlebt. Ich zumindestens stand immer sehr schnell alleine da, wenn ich mal klagte. Ich habe Gottfried Keller gebracht: "Neider machen Leute." Wenn es nach außen den Anschein erweckt, dass es einem sehr gut geht, hat man komischerweise Neider und ist begehrt und hat auch "Freunde". Das ist aus meiner Sicht die bessere Lösung.
Ich bin auch den Weg eingeschlagen, den Du von dir beschreibst. Als ich mit 25 Jahren an Epilepsie erkrankte, hatte ich keine Zeit dafür. Für mich war es ein Tabu-Thema, das nicht an die Öffentlichkeit durfte, weil sonst der Respekt vor mir dahingewesen wäre. Als mich diese Krankheit in den ersten Jahren begleitete, hatten noch viele Bürger die von Goebbels inszenierten Filmaufnahmen im Kopf, die die Epilepsiekranken zur Euthansie freigeben sollten. In diesen Filmen wurden Epilepsiekranke in Heil- und Pflegeheimen gezeigt. Wer diese Aufnahmen nur ein einziges Mal gesehen hatte, hatte ein falsches Bild von dieser Gruppe. Bis 1945 sind jede Menge davon sterilisiert worden. Sie zählten damals zu den Irren. Dieses Gedankengut war damals noch tief verwurzelt in den Köpfen der Bürger.
Für mich ist es seinerzeit wichtig gewesen, die Inverse dessen zu bringen, was meine Mitbürger von mir erwarteten. Bei Ausbruch der Krankheit war ich 25, verheiratet, hatte Frau und 2 Kinder, hatte ein Unternehmen aus 2 Betrieben mit ca. 20 Mitarbeitern, die Gesamtsituation hat seinerzeit nicht erlaubt, einfach nein zu sagen, ich bin krank, es geht nicht weiter. Meine Frau und ich sind erst in Frieden auseinander gegangen, nachdem sie und unsere Kinder mit dem Studium fertig waren und einen Arbeitsplatz hatten. Das habe ich 34 Jahre durchgehalten, dann ging es nicht mehr, im letzten Jahr habe ich mich operieren lassen und bin heute nach 17 Monaten gottseidank immer noch anfallsfrei.
Ziel und Zweck meiner Ausführungen soll sein, allen Mut zu machen und zu zeigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Und alle, die noch nicht am Ziel sind, ich meine damit die heute noch Gesunden, wissen nicht, was auf sie noch zukommt.
Ich danke dir nochmals für die positive Berichterstattung des Ganzen. Du hast uns damit in Kürze verbal skizzieren können, wie man es zu machen hat und wie nicht.
Herzliche Grüße
Anton


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