Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Gabi73, Monday, 15.03.2010, 13:18 (vor 6002 Tagen)
Mein Sohn ist in der Berufschule ohnmächtig geworden. In der Notaufnahme im Krankenhaus hat man einen leichten epileptischen Anfall diagnostiziert und ihm ein dreimonatiges Fahrverbot ausgesprochen. Zusätzlich soll er sich in neurologische Behandlung begeben (Diesen Arzt müßten wir uns aus dem Telefonbudh aussuchen, also einen unbekannten Fremden). Nun traut er sich nicht zum Arzt zu gehen, weil er Angst vor einem neuerlichen Fahrverbot hat. Muss man wirklich bei jedem Arztbesuch mit einem Fahrverbot rechnen (Der Arzt als Terminator???) oder gibt es irgendwo die Möglichkeit sich vertrauensvoll behandeln oder beraten zu lassen (ohne ein Fahrverbot zu fürchten)? Was können wir falsch machen? Was müssen wir unbedingt vermeiden? Welche Erfahrungen gibt es?
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Anton, Monday, 15.03.2010, 13:55 (vor 6002 Tagen) @ Gabi73
Hallo Gabi,
sei herzlich gegrüßt in diesem Forum. Einen einmaligen Anfall erleben Millionen von Menschen. Die Medizin sagt, ein Anfall ist noch keine Epilepsie. Erst wenn sie gehäuft und wiederholt auftreten, spricht man von Epilepsie, einige nennen es auch cerebrales Anfallsleiden.
Sollte Dein Sohn wirklich an Epilepsie erkrankt sein, darf er nicht mehr Auto fahren. Der Arzt kann ihm das zwar nicht verbieten, aber er ist verpflichtet, den Patienten darauf hinzuweisen. Oft lassen die Ärzte sich den Erhalt dieser Belehrung auch schriftlich bestätigen. Ein Patient, der dann noch Auto fährt, muss mit Bestrafung rechnen, mit allen versicherungsrechtlichen Konsequenzen, von dem Moralischen, sofern Dritte zu Schaden kommen, einmal ganz abgesehen. Ob motorisiert am Straßenverkehr teilgenommen werden darf, regelt die Richtlinie „Epilepsie und Führerschein“.
Wichtig ist der Facharzt. Der Neurologe kann zwar eine Epilepsie feststellen, richtig diagnostiziern und behandeln kann sie nur ein Neurologe mit Zusatzausbildung Epilepsie, er ist im Besitz des Epilepsie-Zertifikats.
Das Allerwichtigste ist die Einhaltung bestimmter Regeln. Sie füge ich diesem Schriftsatz unten bei. Ich wünsche Deinem Sohn gute Besserung und hoffe, dass er bald wieder gesund ist. Komm’ ruhig mit Fragen, hier im Forum findest Du jede Menge Betroffene, die dir gerne Auskunft geben.
Liebe Grüße
Anton
a) Die regelmäßige Medikamenteneinnahme ist das A und O einer erfolgreichen Therapie.
b) Eine Änderung der Tabletteneinnahme sollte grundsätzlich nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
c) Abweichungen der Wirksamkeit durch Generika oder Re-Importe zum Originalmedikament sollten unverzüglich dem Arzt mitgeteilt werden.
d) Ein Anfallskalender sollte sorgfältig geführt werden.
e) Wenn Angehörige oder Dritte den Anfallsablauf verbal skizzieren, kann es für den Arzt eine große Hilfe sein. Anhand dieser Aufzeichnungen (u. U. auch Videoaufnahmen) sieht er, welcher Anfallstyp es ist und kann die Krankheit dementsprechend besser therapieren.
f) Auf Alkohol sollte möglichst ganz verzichtet werden, ebenso auf Flackerlicht in der Diskothek.
g) Für den Schlaf gilt: Es darf nicht zum Schlafentzug kommen. Der Schlaf-/Wachrhythmus muss eingehalten werden.
h) Ein Besuch alle Vierteljahr beim Neurologen ist sinnvoll (Blutserumkontrolle und EEG-Messung).
i) Die Richtlinien „Epilepsie und Führerschein“ sollten beachtet werden.
j) Die Behandlung sollte nur durch einen Facharzt für Epilepsie erfolgen.
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Tom vom Berg
, Tuesday, 16.03.2010, 05:42 (vor 6001 Tagen) @
Anton
Hallo Gabi,
sei herzlich gegrüßt in diesem Forum. Einen einmaligen Anfall erleben Millionen von Menschen. Die Medizin sagt, ein Anfall ist noch keine Epilepsie. Erst wenn sie gehäuft und wiederholt auftreten, spricht man von Epilepsie, einige nennen es auch cerebrales Anfallsleiden.
Hallo Anton
Wie kann dann ein Neurologe dan nach einen Anfall, eine Grand mal Diagnose stellen? War bei mir der Fall.
Der Arzt von damals darf oder möchte mich nicht mehr behandeln.
Mein Neurologe sagt nur diskutieren Sie mit der Uniklinik.
Und was kommt bei der Uniklinik raus? Da werd ich mich überraschen lassen.
Wurde jemals eine Grand Mal Diagnose zurück genommen?
Bei einer Rücknahme darf ich dann wieder Lok fahren?
Hat jemand damit Erfahrung?
Mit freundlichen Grüßen
Tom
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Anton, Tuesday, 16.03.2010, 10:53 (vor 6001 Tagen) @ Tom vom Berg
Hallo Tom,
mit der Uni-Klinik zu diskutieren ist richtig, aber bevor Du dort stationär Patient bist. Der Dialog sollte in folgende Richtung gehen.
a) Ist der Neurologie eine Epilepsie-Ambulanz angeschlossen? b) Sind dort Neurologen mit Epilepsie-Zertifikat oder besser noch Epileptologen tätig? c) Wieviele Anfallskranke werden im Jahr dort behandelt? d) In welchen Epilepsie-Zentren waren die Ärzte zuvor tätig?
Ein Grand Mal wird ein Grand Mal bleiben. Entscheidend für die Beurteilung des Straßenverkehrsamtes ist die augenblickliche Situation. Auch hier stellen sich Fragen.
Wie oft geht der Patient zum Neurologen zur EEG-Messung? Wird ein Anfallskalender geführt? Zeigt das EEG bei Provokation Auffälligkeiten. Alles Weitere regelt die Richtlinie „Epilepsie und Führerschein“. Bei der Bemessung wird es einen Unterschied machen, ob der Patient sich selbst oder auch Fahrgäste befördern möchte.
Aus eigener Erfahrung empfehle ich: Ausschließlich in ein Epilepsie-Zentrum, zumindestens in eine Epilepsie-Ambulanz eines Epilepsie-Zentrums, zu gehen. Weil selbst eine lange Wartezeit auf den ersten Termin besser ist als eine jahrelange Falschbehandlung.
Es stellt sich eine letzte Frage. Woran krankt das heutige System? Die Frage ist leicht zu beantworten. Viele Mediziner haben leider immer noch nicht begriffen, dass es heutzutage den mündigen Patienten gibt. Er lässt sich nicht mehr schicken und schluckt Medikamente bis sein Tod alle Probleme löst. Die Medikation heißt nicht mehr vom Arzt verordnet, sondern die mit dem Patienten besprochene Medikamentensorte und -menge. Der Patient klärt sich auf in den neuen Medien. Es wird offener über Krankheiten gesprochen als noch vor Jahren. Einen großen Beitrag leisten die vielen Selbsthilfegruppen. Ich wünsche gute Besserung.
Viele Grüße
Anton
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Lerche, Monday, 15.03.2010, 14:22 (vor 6002 Tagen) @ Gabi73
Hallo Gabi, ich würde Sohn nicht mal Rad fahren lassen, bevor zweifelsfrei feststeht, was es ist. Und das kann wirklich nur ein guter Neurologe mit Erfahrungen im Bereich Epilepsie feststellen. Oder ausschließen. Bei mir fing es auch in der Berufsschulzeit an. Motorradführerschein war gleich weg. Konnte aber nicht vom Alkohol lassen (bis '86) und der verträgt sich nun gar nicht mit den Antiepileptika. Deshalb noch weitere Jahre mit Anfällen. 1986: Letzter Anfall. 1989: PKW-Führerschein gemacht, Motorradführerschein wiederbekommen.
Ansonsten kann ich mich den Ausführungen von Anton nur anschließen.
Würdest du z.B. in ein Auto steigen, bei dem die Bremsen schon mal versagt hatten?!? (nur so als Gleichnis gemeint)
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Mondenkind, Monday, 15.03.2010, 14:28 (vor 6002 Tagen) @ Gabi73
Hallo Gabi,
das dein Sohn jetzt erst einmal kein Auto fahren darf ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wie Anton schon geschrieben hat, von einer Epilepsie redet man i.d.R. erst nach einem 2. Anfall.
Kann es denn irgend einen Auslöser gegeben haben? z.B. zu wenig Schlaf??
Es wäre auf jeden Fall wichtig, zu einem Neurologen (oder Epileptologen) zu gehen. Wenn (wie ich hoffe) im nächsten viertel Jahr kein weiterer Anfall auftritt, darf dein Sohn auch wieder Auto fahren.
Aber wie Anton schon geschrieben hat, ist es wichtig, wenn er erst einmal nicht fährt, auch wenn das Risiko ggf. gering ist, dass noch einmal etwas passiert.
Er ist darauf hingewiesen worden, und die Ärzte haben es bestimmt im Arztbrief geschrieben. Wenn also ein Unfall passierten sollte, zahlt keine Versicherung, wenn sich herausstellt, dass er theoretisch gar nicht fahren darf - selbst wenn er nicht Schuld am Unfall war.
Der Arzt zu dem man geht, ist am Anfang immer ein unbekannter Fremder. Das ist aber meist genauso beim Haus- oder Zahnarzt. Wichtig ist, dass er / ihr das Gefühl habt, diesem Arzt vertrauen zu können. Wenn nicht, wechselt den Arzt bzw. holt euch eine zweite Meinung bei einem anderen Neurologen.
Ihr solltet alle Fragen, die der Arzt stellt ehrlich beantworten, denn nur so kann er die richtige Diagnose stellen.
Deshalb haben die Ärzte aus der Klinik deinen Sohn zu einem Neurologen geschickt, damit er vernünftig durchgecheckt wird.
Er muss nur mit einem weiteren Fahrverbot rechnen, wenn er noch einen Anfall hatte. Hier ist es wichtig, dem Arzt gegenüber ehrlich zu sein.
Viele liebe Grüße
Mondenkind
--
"Ich habe gelernt, vom Leben nicht viel zu erwarten. Das ist das Geheimnis aller echten Heiterkeit und der Grund, warum ich immer angenehme Überraschungen statt trostloser Enttäuschungen erlebe."
(George Bernard Shaw)
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
Meli89, Forchheim, Monday, 15.03.2010, 15:10 (vor 6002 Tagen) @ Gabi73
Hallo Gabi,
ich selbst habe die Diagnose 'Epilepsie' auch erst seit Januar.
Passiert ist mein Anfall im November, jedoch meinten die Ärzte am Anfang
es würde von etwas anderem kommen. Nur haben die Absencen bzw. Auren nicht aufgehört, dass ich mich kaum aus dem Haus getraut hab. Wurde dann zum Neurologen überwiesen und er hat dann mit der Eindossierung der Medis begonnen.
Sofern bei Ihm auch Epilepsie diagnostiziert wird sollte er das Auto fahren auf alle Fälle lassen und auf den Rat des Arztes hören.
Ich bin selbst erst 20 Jahre alt. Dein Sohn wird, denke ich wegen Berufsschule, ca im gleichen Alter sein. Hatte auch die 'sperre' von der Klinik selber noch - musste auch dafür Unterschreiben. Anfangs hab ich mich auch noch hinter das Steuer gesetzt. Nach einer gewissen Zeit hat aber mein Gewissen, die fahrt verhindert.
Heute vor ca. einer Stunde hab ich mein Auto zu einer privaten Werkstatt fahren lassen und hab mein Auto vorläufig abgemeldet.
Es war in meinen jungen Jahren, der schwerste Gang für mich.
Hab nicht einmal meine Probezeit überstanden und darf schon nicht mehr fahren.
Anfangs ein Schlag ins Gesicht, aber laufen ist ja bekanntlich gesund ;)
Viel Glück für deinen Sohn und gute Besserung!
Lg
Meli
Fahrverbot/Angsfreie Behandlung
katja1977, Thursday, 18.03.2010, 10:25 (vor 5999 Tagen) @ Gabi73
Hallo
ich habe auch seit fast 15 Jahren diese Krankheit. Bis vor knapp 2 Jahren bin ich auch noch Auto gefahren, doch dann haben bei mir die Anfälle wieder eingesetzt, kam wahrscheinlich durch die Schwangerschaft. Nun bin ich leider auf fremde Hilfe angewiesen und lasse das Auto stehen. Ich muss mich täglich 30 km auf Arbeit fahren lassen ( Bus-/ Bahnverbindungen sind bei uns sehr ungünstig ), was mich sehr belastet diese Abhängigkeit. Man sollte 2 Jahre keine Anfälle gehabt haben und sich erst dann wieder ans Lenkrad setzen, was auch ein Risiko bedeuten kann, denn die Schwester meiner Freundin hatte jetzt nach 24 !!! Jahren wieder einen sehr starken Anfall mit Platzwunde etc. Man ist und bleibt ein Epileptiker hat mir mein Neurologe gesagt. Aber ich bin mit meiner Behandlung auch nicht so zufrieden denn der Arzt ist der Meinung ich soll es endlich akzeptieren und lernen mit der Krankheit umzugehen, das dies mich aber nervlich noch zusätzlich belastet interessiert ihn nicht so recht. Nach Therapiemöglichkeiten hatte ich ihn nämlich auch schon gefragt, aber es kam keine klare Antwort. Ich werde mir mit Sicherheit einen neuen Neurologen suchen was aber in unserem Landkreis fast unmöglich ist. Es gibt nur zwei. Mein Arzt und der andere Neurologe kann keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Jedenfalls will ich auch wieder normal leben und dort gehört einfach die Unabhängigkeit mit Autofahren dazu.