Was passiert mit mir?

gravel, Saturday, 23.04.2011, 17:16 (vor 5596 Tagen)

Hey Leute,
ich bin mitlerweile 20 Jahre alt.
Mit 12 hatte ich einen Grand-Mal-Anfall. Im Verlauf wurde ich mit folgeneden Medikamenten behandelt:
Topiramat (fast 1 Jahr): schlimme Nebenwirkungen, wie Sprachfindungsstörungen, Nierenstein, Konzentrationsprobleme und starker Wesensveränderung (ich weiß nicht, ob ich davon noch einen Knacks habe). Es war psychisch die reinste Hölle für mich. Ich hatte nur noch alle paar Tage bis Wochen komplex-fokale Anfälle. Es hat sich kaum verbessert.
Oxcarbazepin, Levetiracetam und Valproinsäure haben leider nicht gut gewirkt und hatten Nebenwirkungen, wie Hautausschlag, Haarausfall und psychische Veränderung)

Nach ca 2-3 Jahren mit anderen Medikamenten bin ich endlich zu Lamictal gekommen. Ich nehme Lamictal jetzt schon fast 8 Jahre und die komplex-fokalen Anfälle (mit Aura, kurzem Bewusstseinsverlust, komischen Handlungen und Äußerungen) sind immer weiter zurück gegangen. Zeitweise hatte ich dann nur noch selten Auren, ohne dass darauf ein Anfall folgte.

Richtig anfallsfrei bin ich jetzt seit 4 Jahren. Nur manchmal habe ich ein komisches, kribbelndes, aufsteigendes Glücksgefühl in der Herzregion. Als ob irgendwelche körpereigenen Stoffe, wie Dopamin oder Adrenalin ausgeschütet werden.

Mitlerweile habe ich die Schule in der 13. abgebrochen, weil ich einfach nicht mehr konnte. Zeitweise war ich auch einfach demotiviert. Das ist nicht so schlimm. Ich fange eine Ausbildung an und kann dannach immer noch studieren.

Meine Konzentration und Merkfähigkeit ist mitlerweile sehr stark gesunken. Es würde wesentlich länger dauern ein Gedicht auswendig zu lernen. Auch kann ich nicht mehr so gut kopfrechnen bzw. brauche ziemlich lange.

Der Start der Epilepsie war für mich ein starker Lesitungsabsturz.

Jetzt habe ich seit einer Zeit das Problem, dass ich ein Leeregefühl im Kopf habe und alles etwas unbewusster mache. Ich bin oft in unentspannten Situationen sehr nervös. Zu dem wird mir immer für 10 sec schwindelig, wenn ich zu schnell aufstehe. Ich bin manchmal etwas wuschig, langsam, kann nicht gut hören und nehme manchmal Gehörtes erst später wahr. Auch meine Reaktionszeit ist sehr eingeschränkt, wenn ich passiv bin (Im Sport ist es was anderes). Vergesslich bin ich sowieso. Ich brauche auch manchmal etwas um mir viele Namen zu merken, aber wenn ich sie habe vergesse ich sie eigentlich auch nicht. Meine Orientierung war zeiweise auch verdammt schlecht und ist auch etwas besser geworden. Ich neige zu Tagträumereien bzw. der Hingabe zum Leeregefühl, bekomme so manche Sachen nicht immer mit und brauche manchmal etwas lange, bis mir das Richtige einfällt. So versuche ich manchmal was anderes passendes zu finden.

Ich habe noch ein paar psychische Probleme:
Ich bin pessimistisch, werde leicht gereizt und noch einiges mehr. Ich bin ein ernster Mensch, kann allerdings auch mal lachen.
Ich mache mir wirklich Sorgen um meinen Zustand.
Ich weiß nicht, ob ich eine Depression habe oder gar eine Demenz bekomme. Ich hoffe, dass es behandelbar und keine Abbauerkrankung ist.
Ich habe schon Menschen mit schwacher bis starker Demenz erlebt und würde so nie vor mich hinvegetieren wollen. Der Lebenswert sinkt in dem Fall auf ein Minimum. Ich habe in den letzten Jahren einfach sehr viel ignoriert und mich nicht mit Gefühlen oder ähnlichem auseinandergesetzt. Erst jetzt arbeite ich alles auf.

Ich habe erst in 4 Monaten einen Termin beim Neurologen.
Zu dem habe ich noch eine Skoliose. u.A. ist meine HWS stark versetzt.

Was passiert mit mir?

Anton, Monday, 25.04.2011, 13:08 (vor 5594 Tagen) @ gravel

Hallo Gravel,

beim Lesen Deines Beitrags komme ich zu der Feststellung, dass Du eine Epilepsie mit fokalen und komplex-fokalen Anfällen hast. Sofern es sich um diese Anfallsart handelt, kann es eine therapierefraktäre Epilepsie sein. Die angeblich anfallsfreie Zeit rechne ich nicht, denn laut Schilderung bekommst Du Auren. Und Auren sind epileptischen Anfällen gleichzusetzen.

Auch die anderen Symptome, wie die psychischen Beschwerden sprechen für die Anfallsart, die oft ihren Ursprung im Temporallappen hat. Postoperativ würde sich wohl eine Hippocampus-Sklerose bestätigen. Hier kann nur der Epileptologe weiterhelfen.

Zum Facharzt, der für gute fachliche Behandlung einer Epilepsie unverzichtbar ist, kopiere ich ein paar Zeilen unter diesen Beitrag. Ich habe viele Jahre ähnlich wie Du gelitten. Mir konnte erst geholfen werden durch die operative Therapie. Seither geht es mir gut, ich kann wieder denken. Nachfolgender Link führt zu einer PDF-Datei, in der mehr über diese Therapieform zu finden ist. Autoren waren die mich behandelnden Ärzte. Ich wünsche gute Besserung.
http://www.thieme.de/specials/ebner/pdf/gesamt.pdf

Liebe Grüße
Anton


Für Epilepsiekranke gilt: Behandlung nur durch den Facharzt!

a) Der Neurologe kann nur der Ansprechpartner sein. Er hat Grundkenntnisse auf allen Gebieten der Neurologie. Er versteht die Zusammenhänge zwischen den neurologischen Erkrankungen, Kenntnisse über das Anfallsleiden hat er nur wenig. Er kann zwar das Krankheitsbild Epilepsie bestimmen, viel mehr aber nicht.

b) Neurologen mit Epilepsie-Zertifikat haben haben eine Zusatzausbildung für Epilepsie. Oft haben sie als Arzt in Epilepsie-Ambulanzen oder Epilepsie-Zentren ihre Arbeit versehen. Sie verfügen über Grundkenntnisse der Epileptologie.

c) In den Epilepsie-Ambulanzen finden wir Neurologen mit Epilepsie-Zertifikat und Epileptologen. Sie arbeiten im Team und tauschen sich aus. Den Vorteil haben die Patienten.

d) Die Epilepsie-Zentren zählen schlichtweg zu den besten Kliniken für Anfallskranke. Dort haben es die Ärzte, überwiegend Epileptologen, täglich mit Epilepsie-Kranken zu tun. Sie sind fit auf allen Gebieten dieses Krankheitsbildes und auch in der Lage, andere Fachrichtungen mit einzubeziehen.

--
Die Informationen ersetzen auf keinen Fall die Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Bitte wenden Sie sich an ihren Neurologen!

Weitere Beiträge finden Sie in meinem Profil!
Bitte auf "Anton" auf der Kopfleiste klicken.

Was passiert mit mir?

Mortimar, Monday, 09.05.2011, 01:18 (vor 5581 Tagen) @ gravel

Meine Epilepsie hat erst angefangen, als ich schon mitten im Studium war und ich hab inzwischen auch, glaube ich ähnliches festgestellt, wenngleich bei weitem nicht so krass.

Allerdings würde ich es bei mir eher mit dem älter werden als mit Demenz oder Pseudodemenz oder sonstigem pathologischen Verlustkognitiver Leistungsfähigkeit assoziieren.

Ich fühle mich keinesfalls dümmer, und ich habe das Gefühl, einerseits deutlich komplexere Gedanken fassen zu können, mich aber andererseits auf zunehmend weniger zur gleichen Zeit konzentrieren zu können. Mir kommt es ein bisschen so vor, als würde mein Hirn allmählich Abgenutzt zugleich aber für bestimmte Tätigkeiten zunehmend besser geeignet.. wasauchimmer ich kann den Inhalt meines Kopfes nicht so gut beschreiben wie du, jedenfalls fühle ich mich im Durchschnitt nicht dümmer oder weniger intelligent als vorher, meine Fähigkeiten haben sich nur verschoben.

Und ich will dir keinesfalls irgendwelche beeinträchtigungen durch Medikamente oder Krankheit absprechen, deine "Epilepsiekarriere" ist noch deutlich länger als meine, aber vielleicht spielt auch dein Alter eine Rolle. Um die 20, 21 verändert sich das Gehirn so weit ich weiß in größerem Maße, man kann ab einem bestimmt Alter irgendwo in dem Bereich (ebenfalls soweit ich weiß) keine Fremdsprache mehr vollkommen Akzentfrei lernen und solche Sachen.
Es gibt sogar den Terminus der "Quarterlife Crisis", zumindest wenn man Wikipedia glauben darf.

Eventuelle Wirrheiten im Text schieb ich einfach mal auf die Uhrzeit oder meinen letzten noch nicht sehr fernen Grand Mal.

Wünsche allen Lesern eine angenehme Nacht ;-)