endlich "gebeichtet"...

mezeg, München, Wednesday, 23.05.2012, 21:14 (vor 5199 Tagen)

Hallo,

ich bin immer noch bemüht zu kaschieren, dass ich trotz OP und Medikamente weiterhin für Absences / Aphasie / Auren und vielleicht sogar Anfälle anfällig bin. Letzte Woche mit zwei jungen Kindern kurze Sprachunfähigkeit, was sie befremdet bemerkten. Am Freitag im lockeren Gespräch mit einem langjährigen Freund, wieder diese Unmöglichkeit einen Begriff in Wörter zu fassen. Er reagierte aber vollkommen freundlich-gelassen "lass Dir nur Zeit!" und sagte dann, als ich wieder voll ansprechbar war "was macht das schon!". Seine entspannte Reaktion war Balsam. Dann habe ich mich dazu gerungen, einen jungen Gymnasiast "aufzuklären": Er schläft ab und zu bei mir, weil er sehr weit wohnt, wir sind inzwischen trotz Altersunterschied zwei feste Kumpeln. Ich mußte vom Anfang starten, er war sofort interessiert, weil er bei einem Freund einen Video gesehen hatte, wo ein Epileptiker fast alle fünf Minuten fällt und krampft und sich nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße traut. Er stellte allerlei Fragen: wie soll man sich verhalten, wenn man mit einem epileptischen Anfall konfrontiert wird, wie soll er sich verhalten, wenn es mir in seiner Anwesenheit passiert? Wie lange dauert der Anfall? Wann soll er mich wecken?? Habe ihm gesagt, dass das Wecken in so einer Situation ähnlich wäre, als ob ich ihn aus dem tiefsten Schlaf mit schallenden Ohrfeigen rausziehen würde. Er soll einfach nichts tun, nur sicherheitshalber Gefahrenquellen aus dem Weg räumen, in so einem Fall gehe ich "bewußtlos" aber sicher ins Bett, vielleicht nur überprüfen, ob ich normal atme und ob der Kopf zur Seite geneigt ist. Von einem richtigen Anfall gehe ich (momentan...) nicht mehr aus, die Medikamente scheinen zu wirken, aber wenn ich wieder "sprachunfähig" werde, muss ich nicht mehr verzweifelt versuchen, es zu kaschieren und wieder normal zu sprechen, wie es mir in seiner Anwesenheit bereits zweimal passiert ist. Er weiß nun Bescheid und ich kann jetzt ohne Anstrengung - und Schamgefühl - warten, bis die Wörter wiederkommen. Was mir auch noch unheimlich wohl tat, war, dass unsere fröhliche Beziehung (Zusatz-Oma / Zusatz-Enkel) in keinster Weise darunter gelitten hat.
Ich sollte vielleicht auch bei anderen Leuten "beichten"...

mezeg

endlich "gebeichtet"...

Becky, Thursday, 24.05.2012, 11:55 (vor 5198 Tagen) @ mezeg

Hallo mezeg,

ich finde es gut das du es gebeichtet hast. In unserem Umfeld wissen auch alle das meine Frau Epilepsie hat und wenn man die Leute aufklärt, bzw. sie sich ein wenig damit befassen ist es doch viel einfacher für alle. Am Anfang hatte ich auch Angst davor sie bei einem Anfall zu sehen, aber mittlerweile ist das Routine. Wenn ich es merke, setze ich mich mit ihr aufs Bett, Couch etc..., entferne mögliche Gefahrenquellen und warte bis es vorbei ist. Unsere Kids (6 J.)gehen zum Glück auch gut damit um. Ab und an fragen sie die Mama ob alles gut ist und wenn sie einen Anfall bemerken (weil Mama z.B. nicht auf Fragen antwortet) sagen sie mir Bescheid und spielen weiter. Ob jetzt in der Schule oder im Kiga, bringen die Jungs Freunde mit nach Hause und die Eltern wissen auch Bescheid das sie Epi hat. Bisher gab es noch keinen der gesagt hat das sein Kind deswegen nicht zu uns darf. Auflärung ist in dem Falle wichtig und man sollte versuchen es zu tun. Klar ist es nicht einfach und ich als außenstehender hab gut reden, aber bisher sind wir alle so am besten gefahren.

endlich "gebeichtet"...

Green, Thursday, 24.05.2012, 22:12 (vor 5197 Tagen) @ Becky

Hallo Becky
deine Worte tun gut den so kanns auch sein das alle vernünftig mit einem Umgehen..Das setzt natürlich auch vorraus das ich es auch tue.
Gruss Green

endlich "gebeichtet"...

Heidi, Thursday, 24.05.2012, 15:37 (vor 5198 Tagen) @ mezeg

ich bin immer noch bemüht zu kaschieren, dass ich trotz OP und Medikamente weiterhin für Absences / Aphasie / Auren und vielleicht sogar Anfälle anfällig bin.

Hallo mezeg,
mich verwundert es, dass Du Deine Epilepsie kaschieren, verschweigen willst! Du kannst doch gar nichts dafür, dass Du Epilepsie hast. Und beichten hört sich so schuldbewußt an!!
Outing, sich öffnen, war schon immer ein sehr guter Weg. Dieser Weg kann ja bei jedem anders aussehen, aber wenn der Freund, Mitarbeiter oder Nachbar Bescheid weiß kann das nur von Vorteil sein.
Du musst ja nicht gleich mit einem Schild um den Hals rumlaufen, wo draufsteht "ich habe Epilepsie".
Ich habe mir die Leute ausgesucht die mich verstanden und hinterher waren sie richtig erleichtert (sie vermuteten ich sei Alkoholiker, weil ich keinen Tropfen Alk anrührte)

Wegen Epilepsie braucht sich keiner schämen, die Zeiten müssten der Verganheit angehören;-)

Liebe Grüsse
Heidi

endlich "gebeichtet"...

anonym, Thursday, 24.05.2012, 16:30 (vor 5198 Tagen) @ Heidi
bearbeitet von anonym, Thursday, 24.05.2012, 16:50

Hallo Heidi,
"wegen Epilepsie braucht sich keiner schämen, die Zeiten müssten der Verganheit angehören"

Das ist leider nicht so. Meiner Meinung ist das durch die hohe Arbeitslosigkeit die Akzeptanz von Epilepsiebetroffen vor allem am Arbeitsplatz eher abnimmt. Inzwischen sind Menschen mit Epilepsie sogar dreimal mehr als andrere bei gleicher Quali arbeitslos bzw. in die Arbeitsloskeit geschickt wurden, um so weniger ist man natürlich auch offen z.B. gegenüber dem Arbeitgeber und anderen Menschen. Zur Epilepsie zu stehen bringt inwischen nicht mehr so viel Pluspunkte wie das vielleicht mal war:-(

Gruß
Corinna

endlich "gebeichtet"...

Musica, Thursday, 24.05.2012, 21:43 (vor 5198 Tagen) @ anonym

Hallo Corinna, ich habe heute in der Arbeit einen Fehler gemacht. Meinem Chef ist herausgerutcht " mir reicht´s jetzt von Dir". Er schob den Fehler auf meine Krankheit.Kurz darauf bekam ich tatsächlich einen Anfall. LG,Musica

endlich "gebeichtet"...

Heidi, Thursday, 24.05.2012, 22:40 (vor 5197 Tagen) @ anonym

Hallo Heidi,
"wegen Epilepsie braucht sich keiner schämen, die Zeiten müssten der Verganheit angehören"

Das ist leider nicht so. Meiner Meinung ist das durch die hohe Arbeitslosigkeit die Akzeptanz von Epilepsiebetroffen vor allem am Arbeitsplatz eher abnimmt. Inzwischen sind Menschen mit Epilepsie sogar dreimal mehr als andrere bei gleicher Quali arbeitslos bzw. in die Arbeitsloskeit geschickt wurden, um so weniger ist man natürlich auch offen z.B. gegenüber dem Arbeitgeber und anderen Menschen. Zur Epilepsie zu stehen bringt inwischen nicht mehr so viel Pluspunkte wie das vielleicht mal war:-(

Gruß
Corinna

Hallo Corinna,
du hast sicher im großen Ganzen mit der jetzigen Lage recht. Aber ich möchte den Leuten Mut machen, immer wieder aufstehen und neu anfangen. Es ist möglich, denn in jedem stecken ungeahnte Möglichkeiten. Vielleicht sind es völlig neue Wege, die einem große Chancen bieten. Ich habs versucht, es kostete viel Kraft und Überwindung alte ausgetretene Wege nicht mehr zu gehen. Ein Versuch ist es allemal Wert. Optimismus verstreuen ist meine Maxime ;-)
Lieber Gruß
Heidi

endlich "gebeichtet"...

anonym, Thursday, 24.05.2012, 22:55 (vor 5197 Tagen) @ Heidi

Hallo Heidi,
man darf nie die Hoffnung aufgeben, das ist auch meine Maxime.Ich bin im großen und Ganzen ein positiv denkener Mensch und das ist für mich ein wichtiger Teil im Leben geworden. Das soll aber nicht heißen, das ich immer gut darauf bin bzw. sein muß, machmal ist einem auch schon mal zum Heueln, das denke ich gehört auch dazu und macht einen stark neue Wege zu gehn, wie Du es beschreibst;-)

Gruß
Corinna

danke für Euere Antworten!

mezeg, München, Thursday, 24.05.2012, 19:38 (vor 5198 Tagen) @ mezeg

Hallo Ihr Lieben,
Euere Beiträge sind für mich sehr wertvoll, sei es als "Zuschauer" wie Becky oder Direktbeteiligte wie Heidi.
Rational betrachtet, weiß ich, dass ich keine "Schuld" an der Situation trage. Und auch wenn das eigentlich keinen Einfluß hat, führe ich ein ziemlich gesundes Leben, keineswegs Lebensfreude absagend. Emotional ist es natürlich anders, man fürchtet doch nicht mehr angenommen zu werden.
Eine Freundin hatte mir auch gesagt, es sei eine gute Gelegenheit den Streu vom Weizen zu trennen. Und nun habe ich damit angefangen. Zumindest mit Leuten, die mich seit langem kennen, sie können die Unterschiede zu früher - wenn überhaupt vorhanden - erkennen und dann nach ihren Vorstellungen reagieren, Weizen werde ich auf jedem Fall genug behalten! Bei Unbekannten vielleicht doch nicht darüber reden solange es mir nicht wichtig ist, sie als "Weizen" oder "Streu" zu bewerten. Seit ich - gestärkt durch die positive Reaktion des Freundes - mit dem Jungen gesprochen habe und aufgrund seiner positiven Reaktion fühle ich mich fast "luftig". Ich hoffe, dass seine Eltern nicht ablehnend reagieren, ihm fehlt es allerdings nicht an gesundem Selbstbewußtsein. Und er fühlt sich bei mir wohl.
Was den Arbeitsverhältnissen angeht, bin ich allerdings aus dem Spiel, im unerwünschten verfrühten Ruhestand, weil meine Firma Konkurs gegangen war, bevor es mit mir los ging. Aber in dieser Firma wurde nicht systematisch "entsorgt", sondern zuerst Zeit gelassen, dann nach einer anderen - oft vernünftigen - Möglichkeit gesucht.
Ich lese mich weiterhin in diesem Forum fleissig weiter, man lernt soviel von Erfahrungen anderen und man fühlt sich "en famille"
LG
mezeg