Lamotrigin

mezeg, München, Tuesday, 11.09.2012, 09:46 (vor 5088 Tagen) @ Gaius Bonus

Die Vorstellung einer OP ist nicht
so der Hit, zumal die Lokalisierung
in der Nähe des Sprachzentrum ist.
Konnte vor dem Anfall nicht mehr
Sprechen.

Hallo Gaius,

bei mir war die OP ein unausweichliches dringendes Muß: Ein Meningeom drückte sich entschieden auf das Hirn. Vor der OP wurde mir auch gesagt, daß das Sprachzentrum getroffen werden könnte. Meine Angst kannst Du Dir vorstellen.

Als ich in der Wachstation noch ziemlich "vage" aufwachte, dachte ich plötzlich: "Ich habe doch gerade mit der Schwester Deutsch gesprochen!" und versuchte das Französisch. Paßte. In der Früh war der Pfleger zufälligerweise Italiener und ich konnte mich in der Sprache von Dante mit ihm unterhalten. Später zwei, drei Sätze Englisch versucht, ging auch. Obwohl so nah an einem Gewebe, das egal jedes Risiko entfernt werden mußte, funktioniert das Sprachzentrum weiter.

Das einzige, das vielleicht - und nur vielleicht - was damit zu tun hat, ist manchmal Schwierigkeit das Wort in der gewünschten Sprache oder Nuance sofort parat zu haben. Ich nähere mich schnell dem Wort, sei es als angehende "Form" oder über den Klang. Wollte z.B. im deutschen Gespräch die französische Bezeichnung für Haarwirbel finden (ein lebenswichtiges Wort :-D :-D ). Zuerst kam "pli" = Falten, kein Sinn, dann "blé" = Weizen, auch dämmlich... dann "épi de blé" = Weizenhalm. Damit war ich aber am Ziel: Haarwirbel heißt in französisch eben "épi". Also zuerst nahe am Klang, dann am Sinn.

Habe auch weiterhin manchmal Auras mit Aphasie ("speech arrest" sagt der Neurologe). Ich "fühle" den Inhalt vom Begriff, finde aber keine "Wortform", um es einzugießen und dadurch "denken" und ausdrücken zu können. Oft unter "Strom". Ist nur die Sache von ein paar Sekunden, am Schlimmsten war am Anfang die Angst mich doch nicht ausdrücken zu können und aufzufallen! Manchmal habe ich gestammelt oder in der gewünschten Sprache nicht mehr gefunden. Inzwischen weiß ich, daß es gleich wieder funktioniert und habe (fast) gelernt, mich deswegen nicht zu schämen und mir eine (sehr kurze) Ruhepause zu gönnen. Dann ist das Begriff, das ich suchte, wieder da. Und ich weiß, daß es genau dieses Wort war, das ich kurz nicht "formen" konnte.

Manchmal finde ich die Nuance nicht gleich, egal in welcher Sprache. Ich suche sozusagen in meinem Denkkartei, finde ein Wort, das dazu paßt aber nicht so präzis, wie ich es haben will. Also "Karteikarten" ohne unnötige Panik durchblättern und ich habe, was ich wollte.

Was der Sprachblockade angeht, hat mir vor kurzem eine Freundin - definitiv ohne Epilepsie - erzählt, daß sie bei ankommender Migräne ebenfalls Auras mit Sprachproblemen bekommt.

Mach Dir also keine unnötige Gedanken wegen des Sprachzentrums, sie operieren sowieso sehr präzis unter "Monitoring". Ein Student, der der OP bewohnte, hat mir später erzählt, daß sie sehr interessant war und fünf Stunden gedauert hatte. Etwas sieben Stunden später fing ich mit erfolgreichen mehrsprachigen Sprachversuchen an.

mezeg

P.S. muß dabei auch noch (ungern...) erwähnen, daß ich 65 Jahre alt bin und gelegentliche kurze Sprachprobleme nicht unbedingt immer der OP zuschieben kann... (habe gerade "zuschieben" in meiner französischen Kartei kurz gesucht und nach kurzer Nachüberlegung die Bezeichung gefunden "mettre sur le dos de quelqu'un" eigentlich "es jemandem ungerechterweise aufbuckeln");-) ;-)


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