akzeptanz bei uns selbst und bei außenstehenden

Frédé, Monday, 24.06.2013, 14:26 (vor 4802 Tagen) @ sandytimmy

Ich wurde mich 6 Jahren auf Temporallappenepilepsie mit Petit Mal diagnostiziert. Von dem Moment an wars mit dem Frieden vorbei. Alles war zu gefährlich, ich lief nur noch an der kurzen Leine. Das war füt ein Kind schon nicht schön. Aber später machte auch niemand meiner Mutter klar, welche Auswirkungen die Krankheit auf einen pubertierenden Teenager hat: Konzentration nada, vergesslich wie meine Uroma; und in den schlimmsten Zeit x Anfälle am Tag. Die Hormone ruinierte mein Schulleben. Niemand klärte uns
darüber auf, dass das völlig normal war, insbesondere in Verbindung mit den Medikamenten und so lief ich unter dem Label unwillig und Faulpelz. Immerhin schaffte ich trotz der Widerstände die mittlere Reife und sah nach der Berufsausbildung zu, dass ich aus dem Haus kam, gegen heftigen Widerstand der Familie. Und seitdem habe ich für mich selber gerade gestanden, Epilepsie hin oder her. Der westfälische Sturkopp hat wahrscheinlich dabei geholfen. Niemand sagt, dass es je einfach war, aber es geht. Und ich habe beizeiten angefangen, aggressiv offen mit der Epilepsie umzugehen. Teilweise blieb mir auch garnichts anderes übrig; wenn ich Gesprächen und Verhandlungen oder am Telefon auf einmal abbreche und hinterher den Faden nicht gleich finde, kann man das gelegentlich überspielen, aber nicht immer. Und ich habe festgestellt, dass die meisten Leute durchaus interessiert sind und willens zuzuhören. Und im Berufsleben habe ich auch einigemale großes Entgegenkommen aufgrund meiner Offenheit erfahren.
Die ursprüngliche Diagnose und Therapie sind bei mir 52 Jahre her und ich unterstelle mal, dass manche Erkenntnisse, die uns heute selbstverständlich sind, meinem Neurologen damals auch noch nicht so präsent waren - aber dieses Nichtwissen hat vor allem meiner Mutter das Leben bitter gemacht. In der Rückschau weiß ich, dass sie in der Zeit wahrscheinlich mehr gelitten hat als ich. Ich hab mich nur an den auferlegten Restriktionen wundgeschubbert - und am Unverständnis. Gut, dass uns diese Zusammenhänge heute bewußter sind.


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