Panikattacken durch Epilepsie

purzel_18_15, Wednesday, 18.09.2013, 20:58 (vor 4715 Tagen)

Mein Name ist Anne. Ich bin 25 Jahre alt, liiert und habe eine 3-jährige Tochter.
Meine Geschichte: Als ich im 3. Monat mit meiner Tochter schwanger war, erlitt ich einen epileptischen Anfall. Es war ein grand-mal-Anfall. Ich wurde im Krankenhaus behandelt und nach einem Tag zur besseren Genesung zu Hause entlassen. Der Anfall wurde als Gelegenheitsanfall eingestuft. Gründe hierfür waren Stress und die „neue Situation“ der Schwangerschaft. Seitdem bin ich anfallsfrei. (PS. Meine Mutter hat eine erworbene Epilepsie seit ihrer Geburt.)

Und dennoch leide ich seitdem unter Panikattacken und bin stark depressiv geworden, da ich immer und zu jeder Zeit einen „neuen“ Anfall vermute. Nun bin ich schwanger – was die Ängste zusätzlich verstärkt.

Ich möchte euch, die „wirkliche“ Betroffene sind, bitten, mir zu erklären, wie ihr mit dieser ständigen Angst leben könnt, dass es jederzeit passieren kann? Dürft ihr Auto fahren? Habt ihr Kinder, wenn ja, wie habt ihr ihnen erklärt, was sie tun sollen, wenn Mama einen Anfall hat? Habt ihr auch Angst oder bin ich völlig durchgedreht, weil ich Ängste habe, die ein „richtiger“ Epileptiker nur belächelt, weil er begründete Sorgen hat?

Bitte. Ich weiß nicht recht, was ich noch denken, tun, wünschen soll!


Vielen Dank im Vorraus.

Panikattacken durch Epilepsie

podi, Thursday, 19.09.2013, 09:08 (vor 4714 Tagen) @ purzel_18_15

Als Mann, in einer schon sehr langen 17J Lebensgemeinschaft aber ohne Kinder,
kann ich natürlich keine sehr lebensnahe Antwort geben. Aber ich habe möchte
sagen, das Panikatacken sicher nicht von selbst verschwinden werden, doch ich
würde es einem Arzt bzw. einem Neurologen mitteilen. Weiss natürlich nicht,
wie sich eine Schwangerschaft darauf auswirkt, aber es gehört einfach angeschaut.
Ich hab fast mein ganzes Leben schon Epi und keine Panikatacken, doch immer
wieder werde ich so nervös, das gar nichts mehr geht. Auch nicht lustig. Diese
Atacken sind keineswegs lächerlich, oder so und auch als Mann kann ich es
einwenig mitvollziehen. Auf jeden Fall gehört so etwas vom Facharzt angesehen.

Panikattacken durch Epilepsie

purzel_18_15, Thursday, 19.09.2013, 09:35 (vor 4714 Tagen) @ podi

Hey Podi,

vielen Dank für deine Antwort.

In meiner "Sache" sind ein Psychologe und ein Neurologe mit drin. Der Psychologe ist klasse. Aber die Neurologin scheint mir in letzter Zeit ein wenig "komisch", wenn ich das einmal so sagen darf!? Sie redet permanent von einem neuen Anfall usw. Genau das ist Gift für mich und meine Gedanken. Insbesondere in einer SS ist das in meinen Augen verantwortungslos. Sie hält die Sache nicht offen, sondern verkauft es mir so, als sei es nur eine Frage der Zeit bis ich wieder einen Anfall haben werde. Sind Anfälle aber nicht bei allen Menschen möglich? Und kann es nicht sein, dass so ein Anfall einmalig auftritt und dann nie wieder?

Panikattacken durch Epilepsie

huge88, Großraum Nürnberg/Fürth/Erlangen, Thursday, 19.09.2013, 10:00 (vor 4714 Tagen) @ purzel_18_15

Hi!

Habt ihr auch Angst oder bin ich völlig durchgedreht, weil ich Ängste habe, die ein „richtiger“ Epileptiker nur belächelt, weil er begründete Sorgen hat?

Also erst einmal wirst Du hier niemanden finden, der Deine Ängste belächelt. In wie weit sie tatsächlich begründet sind, ist nur schwer zu beurteilen und steht auf einem anderen Blatt. Aber sie sind da und daran gibt's nix schönzureden oder gar zu belächeln. Ängste sind alles, nur nix schönes.

Vielleicht, um Dich einmal etwas zu beruhigen: Du bist jetzt schon so lange anfallsfrei, dass sich Dein körpereigener Schutzwall vor Krampfanfällen wieder in Ruhe hat aufbauen können, was die Gefahr eines weiteren Anfalls fast auf das von einem ganz normalen Durchschnittsmenschen senkt.

Sind Anfälle aber nicht bei allen Menschen möglich? Und kann es nicht sein, dass so ein Anfall einmalig auftritt und dann nie wieder?

So ist es. Um das einmal in eine greifbare Zahl umzuwandeln: Je nachdem, welche Statistik man zu Grunde legt, haben ganze 5% der Bevölkerung einmal in ihrem Leben einen Krampfanfall, also ist Dein einmaliger statistisch gesehen eigentlich nix besonderes, auch wenn's einen persönlich natürlich hart trifft. Und von diesen 5% hat die große Mehrheit nie wieder einen weiteren Anfall.
Und nur weil Deine Mutter Epilepsie hatte, muss das noch nicht einmal etwas mit Deinem einen Gelegenheitsanfall zu tun haben. Es gibt eine ganze Menge Gründe für Epilepsien und nicht alle senken die Anfallsschwelle über einen Mechanismus, der überhaupt vererbt werden kann.

Ich möchte euch, die „wirkliche“ Betroffene sind, bitten, mir zu erklären, wie ihr mit dieser ständigen Angst leben könnt, dass es jederzeit passieren kann?

Um mit Ängsten etc. umzugehen, da hat so jeder seine eigene Strategie die mehr oder minder gut funktioniert. Das hängt stark von der eigenen Persönlichkeit ab und wie stark die Epilepsie das Leben von jemanden bereits beeinflusst hat und er/sie diese Beeinflussung beurteilt.
Ich selbst tu mich da vielleicht auch inzwischen recht leicht so zu reden, bin ich ja doch inzwischen wieder unter ordentlicher Medikamentation ein paar Jahre anfallsfrei. Mehr als ein paar Grundregeln(regelmäßige Medikamenteneinnahme, regelmäßiger Schlaf, kein Alkohol wegen der Medis) und ein paar persönliche Wohlfühlübungen ohne jeglichen Wissenschaftlichen beleg, dass sie was bringen(progressive Muskelrelaxion) kann ich eh nicht tun.
Ich würde allerdings lügen, wenn ich jetzt sagen würde, dass nicht zwischendrin auch bei mir irgendwann einmal wieder ein ängstlicher Gedanke auftauchen würde - z.B. wie jetzt, wo ich mich ja aktiv und bewusst mit dem Thema auseinandersetzen muss. Aber ich kann damit gut umgehen und den Gedanken auch zurück in die passende Schublade einpacken. Der bleibt dann nicht da und spukt mir den ganzen Tag lang hinterher.

Dürft ihr Auto fahren?

Inzwischen bin ich jenseits der Gutachterleitlinien wieder anfallsfrei und hab kein ärztliches Fahrverbot mehr, aber ich verzichte derzeit und vermutlich noch lange darauf. Ich komm gut mit dem Fahrrad und den öffentlichen Verkehrsmittelns zurecht. Meine Anfälle waren in der Vergangenheit mit zu großen Abständen dazwischen, als dass ich die existierenden Leitlinien als auf mich zutreffend empfinde.

Habt ihr Kinder, wenn ja, wie habt ihr ihnen erklärt, was sie tun sollen, wenn Mama einen Anfall hat?

Ich persönlich hab noch keine, aber wir haben hier eine große Bandbreite von Eltern, die vor noch gar nicht so langer Zeit Kinder bekommen haben. Ich schätze, so wie ich Mondenkind kenne, wird sie hier auf jeden Fall etwas dazu schreiben. Die haben sicherlich ein paar gute (Bilder-)Buchempfehlungen für Dich.

Aber die Neurologin scheint mir in letzter Zeit ein wenig "komisch", wenn ich das einmal so sagen darf!? Sie redet permanent von einem neuen Anfall usw. Genau das ist Gift für mich und meine Gedanken.

Warum gehst Du eigentlich noch regelmäßig zu Ihr? Ich meine nach einem einmaligen Gelegenheitsanfall nach so langer Zeit, wäre das ja nicht unbedingt mehr (meine persönliche Laienmeinung) notwendig, oder gibt's da irgendetwas bei Dir, was beobachtet werden soll?

--
Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss.
Johann Wolfgang Goethe - Faust, der Tragödie zweiter Teil

Panikattacken durch Epilepsie

purzel_18_15, Thursday, 19.09.2013, 10:43 (vor 4714 Tagen) @ huge88

Erst einmal vielen lieben Dank für deine umfangreiche Antwort.

Ich würde auch gern auf das Autofahren verzichten und trete es, soweit das möglich ist, auch immer an meinen Freund ab, aber ich lebe auf dem Dorf und da ist Autofahren nahezu unumgänglich. Fahren tue ich auch nur kleine Strecken, da ich immer noch die Befürchtungen habe.

Die Neurologin, nun ja. Zu ihr muss ich leider immer noch gehen, da ich Antidepressiva auf Grund der oben erwähnten Geschichte einnehmen muss. Es wird also nicht groß anders werden. :-(

Panikattacken durch Epilepsie

Hape, Thursday, 19.09.2013, 20:38 (vor 4714 Tagen) @ purzel_18_15

Hallo ich hatte nach meinen Grandmals auch Panikattacken mache jeden Tag Entspannungsübungen gehe viel an die frische Luft mache Leichten Sport das gibt Glückshormone und lenkt ab vielleicht hilft auch ein pflanzliches Mittel frag deinen Arzt

Panikattacken durch Epilepsie

pegasus, Thursday, 19.09.2013, 13:36 (vor 4714 Tagen) @ purzel_18_15

Entweder man lässt sich durch seine Erkrankung das Leben bestimmen oder man lebt mit der Erkrankung und letzteres tue ich zum Beispiel.

Ich habe Epilepsie, aber lasse mir davon nicht mein Leben bestimmen. Ich mache weiterhin das was mir gefällt und mache mir relativ wenig Gedanken darüber, welche Auswirkungen ein Anfall bei Mitmenschen oder mir selbst haben könnten.

Panikattacken durch Epilepsie

Mondenkind, Thursday, 19.09.2013, 23:31 (vor 4714 Tagen) @ purzel_18_15

Hallo Anne,

Meine Geschichte: Als ich im 3. Monat mit meiner Tochter schwanger war, erlitt ich einen epileptischen Anfall. Es war ein grand-mal-Anfall. Ich wurde im Krankenhaus behandelt und nach einem Tag zur besseren Genesung zu Hause entlassen. Der Anfall wurde als Gelegenheitsanfall eingestuft.

Da haben sie ja auch soweit recht, ein Anfall, keine Anzeichen warum und bisher (toi, toi, toi) kein weiterer.

Ich möchte euch, die „wirkliche“ Betroffene sind, bitten, mir zu erklären, wie ihr mit dieser ständigen Angst leben könnt, dass es jederzeit passieren kann?

Ich bin jetzt seit gut 4 Jahren anfallsfrei (dank OP), aber Angst dass ein Anfall kommt habe ich in verschiedenen Situationen immer mal wieder (z.B. letzte Woche als ich seit langen nochmal meine morgendliche Medikamenten-Ration vergessen habe... oder vor ein paar Wochen, als ich nicht so gut geschlafen habe [früher hat beides bei mir Anfälle auslösen können]).

Dürft ihr Auto fahren?

Ja, seit 2 Jahren darf ich wieder Auto fahren und fahre auch gerne und oft.

Habt ihr Kinder, wenn ja, wie habt ihr ihnen erklärt, was sie tun sollen, wenn Mama einen Anfall hat?

Ich habe eine 16 Monate alte Tochter, da sie nach der OP zur Welt gekommen ist und ich eine hohe Wahrscheinlichkeit habe, dass ich anfallsfrei bleibe, werde ich es ihr hoffentlich nie erklären müssen. Aber ich habe mal in einem Kindergarten gearbeitet, da haben wir den Kindern gesagt (allgemein, nicht auf mich bezogen), dass sie, wenn sie einen von uns Erziehern irgendwo liegen und "schlafen" sehen, sollten sie eine andere Erzieherin holen. Ein Kind könnte schon mal beim Spielen einschlafen, doch wir wären hier zum arbeiten, wir würden hier nicht schlafen.

Kann deine Tochter schon die Zahlen lesen, dann könntest du vielleicht (sofern das bei dir möglich ist) eine wichtige Nummer (dein Freund, deine Eltern oder eine Nachbarin [die dann vielleicht auch einen Schlüssel zu eurer Wohnung hat]) speichern, so dass sie schnell jemanden rufen kann (ggf. kann man auch mit einem bunten Stift einen Punkt auf die Tasten malen, z.B. blau für Papa, rot für Oma, gelb für die Nachbarin) und das ganze sollte vorher natürlich mit ihr getestet werden.

Es gibt auch Bücher für Kinder. Ich hoffe ich denke morgen dran, sie stehen im Zimmer meiner Tochter - und die schläft jetzt hoffentlich bis morgen früh ;-)

Habt ihr auch Angst oder bin ich völlig durchgedreht, weil ich Ängste habe, die ein „richtiger“ Epileptiker nur belächelt, weil er begründete Sorgen hat?

Ich weiß nicht, ob ich es als Angst bezeichnen würde, aber ein unangenehmes Gefühl ist manchmal da... meistens unbegründet, aber es ist da. Wie groß ist deine Angst?? Ist sie ständig und immer da oder nur ab und an, wenn es ggf. einen Grund gibt (wie bei mir das Vergessen der Medikamente)? Ist die Angst schlimmer geworden, wo du jetzt schwanger bist??

Sind Anfälle aber nicht bei allen Menschen möglich? Und kann es nicht sein, dass so ein Anfall einmalig auftritt und dann nie wieder?

Das ist richtig, theoretisch kann jeder Mensch einen Anfall bekommen. Und ja, es gibt auch einmalige Anfälle (bekommen ca. 5 % aller Menschen - Epilepsie haben ca. 1 %).

Ich würde auch gern auf das Autofahren verzichten und trete es, soweit das möglich ist, auch immer an meinen Freund ab, aber ich lebe auf dem Dorf und da ist Autofahren nahezu unumgänglich.

Aber das Autofahren hat dir doch keiner verboten, oder?? Es ist einfach nur eine Unsicherheit, die immer da ist, habe ich das richtig verstanden?? Oh, ich glaube auf so einem Dorf habe ich auch über 20 Jahre gelebt ;-)

Lieben Gruß
Mondenkind

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"Ich habe gelernt, vom Leben nicht viel zu erwarten. Das ist das Geheimnis aller echten Heiterkeit und der Grund, warum ich immer angenehme Überraschungen statt trostloser Enttäuschungen erlebe."
(George Bernard Shaw)

Panikattacken durch Epilepsie

Juri, Wednesday, 15.01.2020, 19:12 (vor 2405 Tagen) @ purzel_18_15

Hey Anne,

Magst du vielleicht noch mal schreiben, wie es dir mittlerweile geht?

LG

Juri