Zuviel Angst !

mezeg, München, Tuesday, 15.10.2013, 11:40 (vor 4688 Tagen) @ moquai

Hallo Annette,

wurde mit Epilepsie in (sehr) reifen Jahren konfrontiert, Meningeom operativ sauber entfernt. Nach starkem Stress verursacht aber die Narbe eine andere Form, tagsüber anstatt nachts.

Inzwischen mit etwas Lamotrigin auf minimalste Störung unterdrückt.

Am Anfang der Situation haben meine beide längst erwachsenen Töchter für mich sehr unangenehm darauf reagiert. Die Ältere (im medizinischen Nebenbereich) wollte mir autoritär das Radfahren verbieten, das von Neurologen immer akzeptiert und von einem sogar ausdrücklich empfohlen wurde. Und wer weiß was noch verbieten: den Enkel nur unter "Aufsicht" zu sehen, fern und herablassend von Geselligkeiten gehalten.

Die Jüngere machte sich Sorgen und "paßte" auf mich auf. Sie entdeckte mal am Küchentisch einen Zettel mit etwas unbeholfener Schrift und fragte mich entsetzt: "Hast DU es geschrieben????" Ich drückte ihr als Antwort einen Stift in die LINKE Hand - ich schreibe zwar rechts, amüsiere mich neuerdings die linke Hand nicht nur für Kreuzworträtsel zu benützen (der Kater legt sich genüßlich auf den rechten Arm), sondern auch um die Schrift zu üben. Sollte ich mir einmal die rechte Hand verstauchen, kann ich etwas krackelig aber deutlich lesbar schreiben.

Und dann unterwegs. Wir waren mal in einer U-Bahn-Station und meine Aufmerksamkeit wurde kurz auf etwas anderes gezogen: eine Werbung, ein komisches Kleid oder wer weiß was sonstiges "normales". Sie fragte sofort: "Bist Du noch da??", weil sie eine "Absence" fürchtete.

Auch wenn sie es gut meinte, war es für mich sehr lästig, mich so unter Aufsicht zu fühlen. Um so mehr lästig, weil sie es gut meinte und aufmerksam und liebevoll diese neue Situation akzeptierte: Ich konnte sie daher nicht zum Teufel schicken, wie meine erste Reaktion normal gewesen wäre.

Wie wäre es mit dem Versuch, alleine, mit ihm und mit dem Neurologe Verursacher wie Konsequenzen aufzulisten. Ermitteln, welche Risiken man vermindert oder vielleicht gar so gut wie ausschalten kann, welche Konsequenzen zu erwarten sind und wie man sich entsprechend benimmt.

Sich immer beängstigt beobachtet fühlen, ist sehr belastend und man neigt zur Reizbarkeit. Ich zumindest...

Darüber zu reden, hier und / oder bei einer Hilfegruppe oder mit "echten" Freunden hilft sehr viel.

In meiner Umgebung gibt es inzwischen mehrere Leute, die es irgendwie erfahren haben. Meine Katzen wurden in meiner Abwesenheit von Nachbarn liebevoll versorgt, als ich aber nach einer akuten Stresssituation bei der Rückfahrt mich bedanken wollte, hatte ich eine kurze Sprachblockade und konnte Worten weder aussprechen noch selber im Kopf "sehen". Habe sie gestern gefragt, ob ich etwas unsinniges gesagt hätte: "Nein, ich fand Worte nicht und es war sonderbar wenn auch kurz." In der Familie habe ich einen Leidensgenossen: deren Hund hat sich neuerdings als Epileptiker rausgestellt und muß Medikamente nehmen... :-D :-D :-D

Die Tierärztin fragt mich auch, während sie meine Katze untersucht, wie es meinem Kopf geht. Ich bin nicht nur Patientin - pardon, meine Katzen :-D :-D :-D -, ihr Bruder leidet auch unter Epilepsie.

Beim Planen eines kleinen Fest in einem Restaurant, blieb mir auch die Spucke kurz weg. Weil ich nicht wußte, was ich wohl gesagt hatte - für hundert Gäste reserviert... :-D :-D - machte ich lieber Klarschiff. Mein undeutliches Reden wurde als "französisch" beurteilt und weil sie in der Wirtschaft mit einem GM-Anfall bei einem Gast konfrontiert und vom Notarzt über Maßnahmen aufgeklärt wurden, wurde es zum menschlich-freundlichen Gespräch. Fast: "Machen Sie uns die Freude dann einen GM-Anfall zu bekommen, damit wir Ihnen und den anderen Gästen zeigen können, wie gezielt-fachmännisch wir darauf reagieren können!" Zugegeben etwas übertrieben interpretiert... :-D :-D :-D Die kleine Feier erfolgte in freundlicher gelöster Atmosphäre.

Nach einer Zeit des Rückzugs nach der Diagnose, habe ich langsam gelernt, Leute zu informieren, in desser Anwesenheit und bestimmten Umständen einen Anfall passieren könnte. Habe immer mehr die Erfahrung gemacht, daß sie es durch Information und "Gebrauchsanweisung" schnell assimilieren und zum bekannten Umgang zurückkommen. Dadurch erleichtert es mir die Akzeptanz, ich werde doch nicht deswegen abgelehnt. Epilepsie ist nur noch ein Aspekt meiner Biografie, ist aber nicht mehr am Steuer.

Alles Gute

mezeg


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