Mitleidsmasche...

podi, Thursday, 04.09.2014, 11:51 (vor 4364 Tagen)

Vorallem als Kind hab ich wg. der Epilepsie die Mitleidsmasche gespielt. Um nicht ausgegrenzt zu werden, war ich manchmal sogar "stolz" darauf, weil ich ja wer "besonderer" war. Komischerweise hat das manchmal sogar recht gut funktioniert, da hab ich meine Erfahrungen vom Psychiater, (da war ich neben dem Neurologen auch öfters) an Freunde mit Problemen (meist Liebeskummer...) weiter gegeben. Das hat damals mein Leben etwas einfacherer gemacht. Einfach einen "Nachteil" als "Erfahrung" etc. ausgeben. Je älter, reifer und erwachsener ich geworden bin, umso weniger hab ich das gebraucht und so selbstsicherer bin ich geworden, bis mir die Epilepsie eigentlich ziemlich egal geworden ist. Heute hab ich überhaupt keine Probleme mehr damit, es kann gern jeder davon wissen (oft sogar gut so) und wer Provleme damit hat, kann sich gerne einen anderen Freun suchen und soll reden was er/sie will. Trotzdem ertappe ich mich manchmal, wie ich versuche Vorteile daraus zu ziehen und mich zu wem "besonderen?" zu machen, der ja so arm ist und der besser betreut, behandelt gehört. Eben keine Behinderung? , sondern etwas wo man besonders behandelt werden soll, weil man ja so "arm" ist... Wie geht ihr mit dem Thema um? Ist es ok, wenn man versucht aus der Epilepsie Vorteile zu ziehen?

Mitleidsmasche...

mezeg, München, Thursday, 04.09.2014, 12:27 (vor 4364 Tagen) @ podi

eine schwierige Frage...

Mit Epilepsie konfrontiert wurde ich sehr spät - will doch nicht sagen sehr "alt" :-D :-D :-D . Das gibt natürlich einen anderen Aspekt als bei Dir.

Zuerst habe ich es möglichst verschwiegen. Dann kam die Trotzphase "Ich bin epileptisch. Paßt es Euch nicht, dann verschwindet!"

Dann der Rückzug bei "Noch-nicht-Eingeweihten"

Langjährige "echten" Freunde machen sich keine besonderen Gedanken. Einmal gefragt: "Wie sollen wir uns in so einem Fall verhalten?" Abgehackt.

Nächster Schritt, u.U. es sagen zu müssen, um nicht später Ärger zu bekommen, wenn es irgendwie rauskommen würde. Nicht, weil ich ein Gefahrpotential habe. Die 3 GMs nach der OP erfolgten zu Hause, in Sicherheit, zweimal alleine, nur einen kleinen blauen Fleck und im Bett ausgeruht aufgewacht. Nun durch die Einstellung hier und da Unwohlsein und wie im Attest erwähnt "kurze Unfähigkeit zur Kommunikation", dies eigentlich nur sprachlich. Es fällt aber auf.

Durch das Attest vom Neurologen - von mir erbeten - habe ich wieder Selbstsicherheit gewonnen. Viel geholfen hat auch die problemlose Annahme als Ehrenamtliche von der integrativen Schule. Eine gereizte - wenn auch berechtigte - Reaktion meinerseits wurde nicht nur akzeptiert, es wurde sofort eine Lösung organisiert.

Manchmal habe ich auch einen gewissen "Stolzanfall": ja, ich bin epileptisch, habe etwas anderes, eigentlich einen Nachteil aber seht, wie gut ich damit umgehen kann, wie gut es mir geht!"

Gleichfalls eine Wut gegen nahen Verwandten oder sogenannten Freunden, die mich "duch die Epilepsie" definieren: Jede Geste, Bemerkung, andere Denkweise wird daraus verstanden. Ich bin doch behindert, wie eine Schwester mir ins Gesicht geschleudert hat und z.B. meinen einfachen Hinweis "ich gehe heute abend zum Perlen-Einfädeln" als Psycho-Runde interpretiert hat, wo jede(r) seine Probleme ausbreitet... :-( :-( :-( (Habt Ihr keine Smileys für Wutanfälle??? )

Meine jüngere Tochter hat am Anfang auch ein paar Mal so reagiert.

Ich erwarte nichtdestoweniger etwas Rücksichtsnahme - und bestehe sogar darauf. Meist im sprachlichen Bereich, um das Sprachzentrum wurde geschnipselt und manchmal klemmt es, besonders wenn ich mit heftigen lauten Diskussionen konfrontiert werde, besonders wenn die Argumentation sich immer schneller in Spirale dreht. Ich bestehe auf das Recht, mich im Bedarfsfall auf meine "Insel" zurückziehen zu können, einfach nicht mehr zuhören und antworten, niemanden sehen müssen. Wird nicht immer akzeptiert. Die einen sind verwirrt, die anderen aggressiv. Die jüngere Tochter hat sich aber gut darangewöhnt, ruft einfach eine Weile nicht an oder nur mit einem harmlosen Thema, von dem sie weiß, daß ich gut darauf reagiere.

mezeg

Mitleidsmasche...

pegasus, Friday, 05.09.2014, 11:02 (vor 4363 Tagen) @ podi

Ich ziehe nur in einem Bereich meine Vorteile daraus und das ist gegenüber Ämtern.

Im Freundeskreis oder ähnlichem, habe ich das nicht nötig, ich erzähle es allen, die ich neu kennenlerne relativ schnell am Anfang, werde dann ausgefragt oder auch nicht und damit hat sich das Thema dann auch gegessen.