Neuling auf dem Gebiet sucht Infos

Schneehaserl, Thursday, 24.08.2023, 05:41 (vor 298 Tagen)

Hallo Ihr Lieben,

ich bin in einer Beziehung mit einem wundervollen Menschen, der vor 23 Jahren eine schwere Kopfverletzung (Hirnquetschung, usw.) nach einem Autocrash davongetragen hat.

Seit etwa 10 Jahren nach dem Unfall treten Anfälle auf, die dank einer Arbeitskollegin mit Epilepsie-diagnostiziertem Angehörigen bei einem Anfall erkannt und entsprechend ärztlich behandelt wurde. Nach Krankenhausaufenthalten und div. Medikamentation, nimmt er inzwischen Lacosamid (Vimpat) 200gr 2x täglich.

Als Laie frage ich mich: Er hat etwa einmal im Monat einen Anfall. Wenn er die Tabletten vergisst, auch bis zu 2-3 Mal täglich. Was passiert mit dem Gehirn, wenn die Anfälle sich häufen? Seine Regenerationszeit dauert bestimmt 1-3 Stunden, bevor er sich zumindest erinnern kann, dass ich ihm erzähle, dass er einen Anfall hatte.
Der Anfall, mit Vor- und Nachzeit, ist völlig weg aus der Erinnerung. Sein Sprachzentrum ist in der Zeit auch betroffen, er kriegt keinen klaren Satz zusammen, die Wortbildung funktioniert gar nicht. Falls die Anfälle sich häufen, könnte es sein, dass sich das Hirn nicht mehr regeneriert und z.B. das Sprachzentrum gestört bleibt? Gibt es andere Folgeschäden?

Im Internet steht, dass man nach 5 Minuten einen Krankenwagen rufen muss. Was passiert bei einem länger dauernden Anfall? Mein Freund wurde immer nach ein paar Minuten ruhiger und der Anfall ging vorbei. Was wenn nicht? Was wird seitens der Ärzte gemacht, wenn er ins Krankenhaus kommt? Was sollte man als Angehöriger beachten/wissen?

Ihr seht, ich bin Neuling in dem Bereich. Bisher konnte ich meinen Freund vor Schlimmerem bewahren, wenn er einen Anfall in meiner Gegenwart hatte. Dennoch würde ich gerne mehr zum Thema wissen, um Epilepsie besser zu verstehen.

Danke im Voraus!!!

Neuling auf dem Gebiet sucht Infos

Lizzy, Thursday, 24.08.2023, 14:00 (vor 298 Tagen) @ Schneehaserl
bearbeitet von Lizzy, Thursday, 24.08.2023, 14:03

Hallo Ihr Lieben,

ich bin in einer Beziehung mit einem wundervollen Menschen, der vor 23 Jahren eine schwere Kopfverletzung (Hirnquetschung, usw.) nach einem Autocrash davongetragen hat.

Seit etwa 10 Jahren nach dem Unfall treten Anfälle auf, die dank einer Arbeitskollegin mit Epilepsie-diagnostiziertem Angehörigen bei einem Anfall erkannt und entsprechend ärztlich behandelt wurde. Nach Krankenhausaufenthalten und div. Medikamentation, nimmt er inzwischen Lacosamid (Vimpat) 200gr 2x täglich.

Als Laie frage ich mich: Er hat etwa einmal im Monat einen Anfall. Wenn er die Tabletten vergisst, auch bis zu 2-3 Mal täglich. Was passiert mit dem Gehirn, wenn die Anfälle sich häufen? Seine Regenerationszeit dauert bestimmt 1-3 Stunden, bevor er sich zumindest erinnern kann, dass ich ihm erzähle, dass er einen Anfall hatte.
Der Anfall, mit Vor- und Nachzeit, ist völlig weg aus der Erinnerung. Sein Sprachzentrum ist in der Zeit auch betroffen, er kriegt keinen klaren Satz zusammen, die Wortbildung funktioniert gar nicht. Falls die Anfälle sich häufen, könnte es sein, dass sich das Hirn nicht mehr regeneriert und z.B. das Sprachzentrum gestört bleibt? Gibt es andere Folgeschäden?

Im Internet steht, dass man nach 5 Minuten einen Krankenwagen rufen muss. Was passiert bei einem länger dauernden Anfall? Mein Freund wurde immer nach ein paar Minuten ruhiger und der Anfall ging vorbei. Was wenn nicht? Was wird seitens der Ärzte gemacht, wenn er ins Krankenhaus kommt? Was sollte man als Angehöriger beachten/wissen?


Ihr seht, ich bin Neuling in dem Bereich. Bisher konnte ich meinen Freund vor Schlimmerem bewahren, wenn er einen Anfall in meiner Gegenwart hatte. Dennoch würde ich gerne mehr zum Thema wissen, um Epilepsie besser zu verstehen.

Danke im Voraus!!!

Hallo und willkommen hier Schneehaserl,

die Medikamente sollte man schon regelmäßig nehmen. Wenn er sie mal nimmt und mal nicht, kann sich evtl. gar kein Spiegel im Blut aufbauen, da kann er sie auch gleich weglassen. Was aber grad bei großen Anfällen echt nicht zu empfehlen ist. Wenn er zu lange krampft, kann es zu einer Sauerstoffunterversorgung im Gehirn kommen (woran schon so manche ihr Leben ließen), deshalb heißt es auch immer, man soll nach 5 Minuten einen Krankenwagen rufen.

Ich stell mir z.B. immer den Handywecker für die Medis und habe eine App, die mich solange an die Einnahme erinnert, bis ich sie entnervt bestätige-nach der Einnahme natürlich.

Nur den einen Anfall, krampfend mit Schaum vorm Mund und verdrehten Augen, wie ihn die Gesellschaft im Kopf hat, gibt es aber nicht (nur). Es gibt über 50 verschiedene Epilepsien und noch mehr verschiedenartige Anfälle, das ist alles sehr komplex. Auren z.B. oder Absencen müssen jemand anderen noch nicht mal auffallen.

Auf deine Frage, was, wenn der Anfall nicht aufhört, dann ruft man selbstverständlich einen Krankenwagen oder, geht selbst ins Krankenhaus, wenn es noch geht. Da gibt es dann Notfallmedis.

Aber ich kann dir aus Erfahrung sagen-manchmal hilft einfach gar nichts. Auch ich hab schon im Krankenhaus nach 50 Minuten und Diazepam einfach weiter gezuckt. Aber da können sie auf einen aufpassen.

So, als Partner/in oder sonst wie Angehörige/r kann man denjenigen in die stabile Seitenlage bringen, damit er oder sie nicht an evtl. erbrochenem erstickt und auf keinen Fall was zwischen die Zähne klemmen, das gibt nur Gebissschäden.

Zu der Frage, was dann im Kopf passiert, wenn sich die Anfälle häufen, da scheiden sich die Geister. Die einen Ärzte meinen, dass das Gehirn bei jedem Anfall Schaden nimmt, andere, dass nur die generalisierten dies tun und die wieder nächsten, dass es kaum bis gar keine Auswirkungen hat.
Aber, je nach Anfallsart, Dauer und Stärke wird auch das wieder sehr individuell sein.

https://www.desitin.de/therapiegebiete/epilepsie/symptome-anfallsformen/

Hier ist sehr viel und ausführlich geschrieben, da kannst du dich bei Zeit mal etwas belesen.

Lg Lizzy

Neuling auf dem Gebiet sucht Infos

Sanktus Achzehn, Friday, 25.08.2023, 17:01 (vor 297 Tagen) @ Schneehaserl

Hallo Schneehaserl,

Als Laie frage ich mich: Er hat etwa einmal im Monat einen Anfall. Wenn er die Tabletten vergisst, auch bis zu 2-3 Mal täglich.

Das Vergessen der Tabletteneinnahme sollte nicht passieren, wenngleich ich selbst aus Erfahrung weiß, dass man da nicht immer vor gefreit ist. Da ihr aber am Anfang steht, könnt ihr das ein oder andere Vergessen aber bestimmt noch in den Griff bekommen. Tablettenboxen helfen z. B., die Übersicht zu behalten, nervige Wecker erinnern zu festen Einnahmezeiten. Ansonsten: Schaut, warum vergessen wurde, ob es da Wiederholungspotential gibt und wie ihr das künftig in den Griff bekommen könnt. Dann könnt ihr die Extra-Anfälle schon mal deutlich reduzieren.

Ansonsten probiert er jetzt Vimpat aus, und wenn das nicht hilft, werden nach und nach alle in Frage kommenden Medikamente ausprobiert, bis ihr hoffentlich eins habt, das hilft.

Was passiert mit dem Gehirn, wenn die Anfälle sich häufen? Seine Regenerationszeit dauert bestimmt 1-3 Stunden, bevor er sich zumindest erinnern kann, dass ich ihm erzähle, dass er einen Anfall hatte.

Kork hat vor vielen Jahren mal einen animierten Film herausgebracht, der dir vielleicht eine Annäherung zu einer Antwort auf diese Frage sein kann. => https://www.youtube.com/watch?v=KfIJquBtwn0

Der Anfall, mit Vor- und Nachzeit, ist völlig weg aus der Erinnerung.

Es ist durchaus sehr häufig bei epileptischen Anfällen der Fall, dass das Hirn die Zeit rund um den Anfall nicht abspeichert. Es hat in dem Moment einfach "Wichtigeres" zu tun. Das ist völlig normal.

Sein Sprachzentrum ist in der Zeit auch betroffen, er kriegt keinen klaren Satz zusammen, die Wortbildung funktioniert gar nicht. Falls die Anfälle sich häufen, könnte es sein, dass sich das Hirn nicht mehr regeneriert und z.B. das Sprachzentrum gestört bleibt? Gibt es andere Folgeschäden?

Nach epileptischen Anfällen regeneriert sich das Gehirn normalerweise ganz gut. Allerdings kommt es natürlich auch auf die Häufigkeit an und wie lange das alles schon läuft. Nach vielen Jahren und häufigen Anfällen, könnte es durchaus sein, dass der "Reparaturservice" im Hirn nicht hinterher kommt und irgendwann Probleme auftreten. Aber das ist etwas, was ihr mit dem behandelnden Arzt besprechen solltet, denn das sind die Fachleute, die vor allem seine ganze Akte vorliegen haben.

Als Ideen aber noch: Vimpat hat auch Wortfindungsstörungen im Beipackzettel stehen, und es wäre denkbar, dass sie nach einem Anfall mitmischen. Und was ich von früher her kenne: Da hat es mein "Zurückkommen" erheblich verzögert, wenn ich gefordert wurde. Sprich auf jeden Fall mal mit deinem Freund darüber, was er überhaupt gerne nach dem Anfall hätte. Vielleicht ist es eher ein Bett und schlafen, statt eine Freundin, die mit ihm reden möchte? Und selbst, wenn er gerne reden möchte: Womöglich verzögert der Versuch zu reden eher mehr, als dass er hilft? Was das Perfekte für ihn nach einem Anfall ist, werdet ihr nach und nach herausfinden.

Im Internet steht, dass man nach 5 Minuten einen Krankenwagen rufen muss. Was passiert bei einem länger dauernden Anfall? Mein Freund wurde immer nach ein paar Minuten ruhiger und der Anfall ging vorbei. Was wenn nicht? Was wird seitens der Ärzte gemacht, wenn er ins Krankenhaus kommt? Was sollte man als Angehöriger beachten/wissen?

Ich nehme an, das dein Freund Grand male-Anfälle hat, also umkippt, ggf. zappelt, so was in der Art. Bei dieser Anfallsart ist der Betroffene bewusstlos und wenn eine Bewusstlosigkeit zu lange dauert, kann sie in ein Koma übergehen - und das ist dann wirklich gefährlich für das Gehirn, weil die Atmung meist schlecht ist und eine Sauerstoffunterversorgung für das Gehirn tatsächlich auch Gehirnzellen absterben lassen kann. Das wird dann wirklich lebensgefährlich. Entsprechend muss ein Anfall unbedingt unterbrochen werden, sollte er zu lange dauern. In der Regel schafft das der Körper selbst, es gibt aber auch Betroffene, die immer wieder in ein Koma rutschen oder bei denen z. B.- auch bei andere Anfallsarten - ein Anfall auf den nächsten folgt, woraus sie einfach nicht rauskommen, und bei denen muss der Notarzt dann versuchen, die Anfälle medikamentös zu unterbrechen. Sollte das Krampfen bei deinem Freund also wirklich mal länger anhalten als "normal", dann rufe auf jeden Fall an. Der Notarzt wird versuchen, den Anfall vor Ort zu unterbrechen, was in der Regel auch gelingt, und deinen Freund dann trotzdem mitnehmen wollen, einfach zur Sicherheit, um ihn zu beobachten. Da kann er allerdings widersprechen, was er dann unterzeichnen muss. So von wegen auf eigene Verantwortung.

An der Stelle vielleicht noch ein Tipp: Dein Freund sollte dir, einfach nur zur Sicherheit, eine Auskunftsberechtigung ausstellen. Sonst bekommst du - sollte es wirklich mal zum Krankenhaus kommen - Null Info. Umgekehrt schadet es natürlich auch nicht; man weiß ja nie ob nicht auch mal was passiert.

Gruß,
Sanktus Achzehn

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Sanktus Achzehn, Friday, 25.08.2023, 17:03 (vor 297 Tagen) @ Sanktus Achzehn

Sorry, ich wusste nicht, dass die ganzen Markierungen von deinem Text einfach entfernt werden. Ich hoffe, du kannst mit meiner Antwort trotzdem etwas anfangen.

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pegasus, Saturday, 26.08.2023, 13:56 (vor 296 Tagen) @ Schneehaserl

Moin,

Bei solch heftigen Anfällen wäre es eventuell einmal angezeigt, dass er ein Notfallmedikament bekommt, welches du oder andere, die damit vertraut sind, ihm verabreichen können.

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schaf059, Saturday, 26.08.2023, 17:40 (vor 296 Tagen) @ Schneehaserl

Hallo Schneehaserl,
was deine Frage anbetrifft, ob die Leistung des Gehirns unter Anfällen leidet, habe ich bei einen Vortrag von einem Epileptologen ein ganz klares NEIN gehört. Die erste Stunde nach einem Anfall habe auch ich Probleme zu reden und muss erst einmal wieder zu mir kommen. Auch dauert es oft Tage, bis ich über die Enttäuschung hinweg bin, dass es wieder "gedonnert" hat.
Nach fünf Minuten einen Krankenwagen holen sehe ich auch als sinnvoll und richtig an, aber positiv denken und davon ausgehen, dass das Krampfen nicht so lange dauert. Je mehr Anfälle meine Frau miterlebt hat, desto lockerer und besser konnte Sie damit umgehen. Empfehlen kann ich Euch zu einer SHG zu gehen, denn ein Austausch ist Gold wert...
LG schaf059

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Selina, Sunday, 24.09.2023, 20:19 (vor 267 Tagen) @ Schneehaserl

Hallo

Meine Anfälle dauern zwar nur 30 Sekunden (iktale Phase), aber die Postiktale Phase geht bei mir halt länger als nur 3 - 5 Minuten, bis ich mich wieder orientiert habe. (Ich rede von Anfällen, an die ich mich nicht erinnern kann kann. Fokale, nicht bewusst erlebte Anfälle). Das geht bis zu 1 Stunde, bis ich wieder zu gebrauchen bin. Medikamentös miserabel einstellbar. - Mindestens 30 Minuten kann ich mich an gar nichts erinnern - wohlgemerkt, nicht iktale sondern postiktale Phase. Dann kommen so langsam die ersten Geistern zurück. Bis jetzt hatte ich das Glück, dass nur 1 Person die Ambulanz rief, da ich zerstreut etwas am Boden suchte (???)
Es sterben dabei keine Gehirnzellen ab. Es ist eine Disbalance zwischen den Neuronen. Zu wenig, die hemme ;)

Ein Notfallmedi bringt es bei nicht bewussten fokalen Anfallen nur 20 Minuten vor dem effektiven Anfall. Denn auch eine Temesta expidet (Lorazepam) muss vom Körper aufgenommen werden. Und nach der iktalen Phase (Anfall) bringt eine Temesta expidet erst recht nichts. Die Menschen rundherum fühlen sich irgendwie wohler, wenn sie der verwirrten Person etwas in den Mund schieben können. Es macht den Geist eher schlapp.