Re: Epilepsie + gestörte Merkfähigkeit

Claus @, Thursday, 02.08.2007, 22:33 (vor 6958 Tagen) @ Jule

Hallo Jule,

habe die Geschichte von Deiner Tochter gelesen. Habe eine ähnlich gelagerte Geschichte hinter mir: Nach Pockenimpfung als Kleinkind knapp dem Sensenmann entkommen hatte ich ab dem 9. Lebensjahr plötzlich Anfälle. Als ich 18 Jahre alt war, ging es dann richtig los. Und die ganzen Jahre hatte ich immer wieder Gedächtnislücken. Leider war die Medizin damals nicht soweit, richtig genau hinschauen zu können. Denn ich konnte die Schulinhalte zwar lernen und auch anderen erklären, hatte alles aber 2-3 Tage später wieder vergessen. Ich war kein guter Schüler, was aber nicht am Nicht-Wollen lag (wie mir immer wieder unterstellt wurde), sondern am Nicht-Können, wie ich heute weiß. Trotzdem hab ich mich bis zum Abi und anschließend bis zum Examen an der Uni durchgebissen. Es war hart, aber es ging.
Die Gedächtnisverluste resultierten aus Anfällen, die nur über eine Gehirnhälfte abliefen und ansonsten nach außen keinerlei Wirkung oder Anzeichen zeigten. Mein Zahlengedächtnis war davon nicht betroffen, ebensowenig mein musikalisches Gedächtnis. Im Gegenzug zu meinem schlechten Gedächtnis war ich mit einer besonderen Kreativität gesegnet.
Zum Abklären individueller Fähigkeiten haben die Neuropsychologen tolle Tests auf Lager, die da etwas mehr Klarheit schaffen können. Und da und dann hilft eigentlich Förderung des Vorhandenen am meisten.
Zu den Medikamenten: Diese wirken zentral im Gehirn und setzen je nach Wirkstoff die nervlichen Aktivitäten herab. D.h. sie verbessern nicht unbedingt die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses /Gehirns. Die älteren Sorten senken die Gesamtaktivitäten, die neueren Sorten beeinflußen - vereinfacht formuliert - die Nervenzellen etwas differenzierter durch Zugriff auf Botenstoffe, die Nervenzellen aktivieren oder in ihren Aktivitäten bremsen. In allen Fällen kann es nette Nebenwirkungen ergeben, die nicht zu unterschätzen sind und ebenfalls Auswirkungen im Alltag haben können.
Woher ich dies alles weiß: Habe später dann Glück gehabt, d.h. nach Nachweis von Medikamentenresis tenz OP (die haben mir ein regelrecht kaputtes Teil aus dem Gehirn 'rausgenommen) und seither 100%ige Heilung ohne weitere Medis und ohne Ausfälle.... .Im zarten Alter von 33 Jahhren. Da hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben und bin trotzdem an die richtigen Ärzte geraten. Und seither wich' das Glück nicht mehr von meiner Seite.
Hoffe, diese Geschichte hilft etwas weiter, auch wenn die Lage hart ist, sie ist nicht hoffnungslos.
Für weitere Fragen schreib mir eine Mail,
Grüße Claus


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