Re: Psychische Probleme nach OP

Marion44 @, Friday, 05.10.2007, 13:42 (vor 6895 Tagen) @ Anton

Hallo Anton,

zuerst möchte ich Dich beglückwünschen zu der erfolgreichen Operation. Es ist schon toll, was in der Beziehung die Operationstechniken gegenwärtig zu leisten vermögen.

Aber nun zu Deiner Problematik. Ich kann mir gut vorstellen, dass du jetzt, bei ständig wachem Bewusstsein, ein ganz neues Lebensgefühl hast, aber auch Lücken in der Erinnerung. War doch Dein Zustand vor der OP ein ständig durch Bewusstseintrübungen oder Unterbrechungen gekennzeichnet.

Mit scheint, dass Du jetzt bei ständig klarem Kopf, dies alles erst einmal verarbeiten musst, und dazu gehören auch Unsicherheit und Trauer. Bei einem anderem Geschehen als Epilepsie (z.B. Gewalt, Mißbrauch, Folter oder Ähnlichem) spricht man von einer "Posttraumatischen Belastungsstörung". In Deinem Fall hat ja niemand anderer Gewalt an Dir ausgeübt, aber Dein eigener Organismus in gewisser Hinsicht, denn er hat Dir immer wieder die Eigenständigkeit und das klare Bewusstsein geraubt.

Nun siehst Du die Welt anders und neu und Dich selbst in ihr ebenfalls. Du kannst anders leben, anders kommunizieren, du darfst neue andere Dinge tun - aber im Schatten Deiner Biografie - und die ist eben viele viele Jahre von der Krankheit geprägt.

Die Beseitigung der Anfälle durch die OP ist noch nicht die Beseitigung Deiner Biografie. Vermutlich wird Dir erst jetzt bewusst, wie eingeschränkt Du zuvor leben musstest.

Also wirst Du noch eine Weile brauchen, um diese Vergangenheit wirklich in den Hintergrund rücken zu lassen - und das ist normal. Vergessen wirst du sie bestimmt nicht, aber sie wird eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Es gab das VOR und das NACH der OP. Das klappt aber nur, wenn du nun nicht nur grübelst, sondern Dir echte Aufgaben stellst. Ich weiß nicht, ob du studieren oder arbeiten konntest vor der OP. Vermutlich nicht.

Du solltest dir neue Aufgaben stellen oder alte aufgreifen und dann wirst du zunehmend seltener daran denken und dich irgendwie nur wundern, wie du damals all die Zeit überstanden hast und dennoch gelebt hast (denk mal an die Holocaust-Überlebenden und ihre individuelle, subjektive Verarbeitung des Traumas. Dort kommt noch ein kollektives Trauma hinzu, das bei Epi weniger präsent ist, aber alle Menschen mit Epi im Grunde auch ein Stück weit verbindet, handelt es sich doch immer noch um eine stigmatisierte Krankheit. In der ZEIT war übrigens letztes ein Artikel darüber).

Ich erinnere mich an einen Zeitabschnitt von mehreren Jahren bei mir, in der ich häufig Anfälle hatte, dennoch arbeiten ging und zugleich versuchte soweit möglich alles geheim zu halten. Irgendwie scheint mir das heute auch unwirklich und ein Stück weit traumatisierend und manchmal überkommt mich die Angst, es könnte wieder so werden - irgendwann. Jahrelanges Leben mit Epi bedeutet mehr als ein einmaliger Beinbruch beim Skilaufen :-)

Nimm dir Zeit das neue Leben Schritt für Schritt kennenzulernen, neue Bereiche und Felder zu entdecken und dir bewältigbare Aufgaben zu stellen. Es ist auch gut möglich, dass dann im Langzeitgedächtnis gespeicherte Erfahrungen wiederkommen, und mit einigen Lücken wirst du leben müssen. Denn das Leben mit vielen Anfällen hinterlässt Lücken. Im unmittelbaren Erleben und im Gedächtnis.

Sei gnädig mit Dir :-) , freue dich an dem neuen Zustand und lass dir Zeit, aber keine Zeit mit Nichtstun (ich weiß ja nicht was du so machst oder was dich interessiert). Du hast ein neues Leben erworben wie eine zweite Geburt (so erzählte mir bei einem Epi-Kongress in Spanien eine Frau aus La Palma, die erstmals nach OP allein gereist war und das mit Mitte 40).

Ich wünsche dir alles Gute !!!

Marion


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