Freunde verlieren wegen Epi???

mezeg, München, Saturday, 29.09.2012, 15:08 (vor 5070 Tagen) @ Phoenix

Hallo Tommy,

mit dem Alter, wo die Epilepsie bekannt wird, hat es wohl viel zu tun. Warst Du man immer (oder fast immer) epileptisch, kennt Dich Deine Umwelt nicht anders. Passiert es später, können sich viele dann nicht mehr neu orientieren. Du kannst plötzlich anders reagieren, gewonhten Aktivitäten nicht mehr oder nur teilweise nachgehen, abrupt reagieren, weil Du einen Anfall anklopfen hörst und Du Dich in Sicherheit bringen willst. Dann auch die Vorurteile: Epileptiker sind doch gemeingefährliche Bestien! Und sie können die gefordete 120% Leistung nicht mehr erbringen, höchstens 95%. Es wird sehr wenig über Epilepsie gesprochen, ich wußte "davor" sehr wenig darüber.

Im letzten Tatort war doch eine Polizistin Epileptikerin und wußte davon. Ihr Anfall wird zuerst mitleidsvoll kaschiert, es wird ihr aber dann ausdrücklich gesagt, daß sie nicht mehr Polizistin sein kann. Was auch von der sachlichen Seite her stimmt. Aber Hilfe und Unterstützung wurden nicht angeboten: "Du bist Epileptikerin? Dann raus!". Und sie benahm sich auch unvernünftig, mit der Pistole in der Hand, wenn man beim akuten Streß einen Anfall erleiden kann??

Ich wurde spät zur Epileptikerin und habe etliches an langjährigen Sozialkontakten dadurch verloren, Ehrenämter inbegriffen.
Radtouren hatte ich geleitet, die meisten Teilnehmer angelockt, weil mittlere Stufe, hohen Wert auf Landschaft, gerne mit etwas Kultur nachgewürzt, Kameradschaft unter Radlern, Pfadfindern ähnlich... Seitens des Vorstands wurde ich ausgemustert: "Grobe Fahrlässigkeit mit bedingtem Vorsatz!".
Kranke habe ich im Krankenhaus besucht, kleine Hilfe, Gespräch, mal eine 92 jährige Gräfin auf Rollstuhl in den Garten geführt, sie schaltete sofort auf französisch und wir diskutierten über den Verfall der Sitten... oder dieser Professor, der für seine Tochter eine präzise Übersetzung für einen doppelsinnigen französischen Begriff suchte... Auch hier ausgemustert, ohne daß ich überhaupt etwas dazu sagen konnte und über meinen Kopf mit den zwei "Oberleiterinnen" der Gruppe entschieden. Daß man die Zustimmung des Betriebsarzts ausdrücklich gewünscht hätte, wäre natürlich schon korrekt gewesen.

Usw.. usw... bekannte Radler treffe ich weiterhin, wenn ich durch die Gegend kurve, für einen freundlichen Gruß oder ein Gespräch findet sich immer Zeit. Ob ich an einer "offiziell" geleiteten Tour teilnehmen darf, weiß ich nicht und habe es bis jetzt nicht versucht, um eben nicht vom Tourenleiter ausgeschlossen zu werden. Ich würde ihn aber in diesem Fall zwingen, die Gründe seiner Ablehnung laut vor aller Teilnehmern anzugeben.

Seitens meiner Familie ist es am schlimmsten. "Tue doch nicht so!", kein Recht auf ein Bißchen Schongang, keinen etwas freundlicheren Ton oder einfach fröhliche Leichtigkeit, ich werde mißtrauisch scharf beobachtet: Werde ich von irgendetwas interessant kurz abgelenkt, sofort "zurückgeholt": Bist Du da?? - also keine Denkfreiheit.:-(:-(
Wurde mal entsetzt mit einem kleinen Schriftstück auf meinem Küchentisch konfrontiert: "Hast Du DAS geschrieben???" JA!... aber mit der linken Hand, weil ich mich dazu amüsiere, sie zu trainieren, nachdem ein Kater mich gezwungen hatte, Kreuzwort-Rätsel links zu lösen, weil er sich auf dem rechten Arm bequem machen wollte... ;-) ;-)


Könnt Ihr alle mit der linken Hand etwas ungeübt aber sehr gut leserlich und relativ schnell schreiben??? Für einen Epileptiker sowieso höchst verdächtig!:-D :-D

Werde ich gebraucht, dann wird nicht mehr an die Epilepsie gedacht. Manchmal bewußt ignoriert, wie diese Frau, die mich so lange genervt hat, bis ich akzeptiert habe, ihre Tochter ins Hallenbad zu bringen, sie war mit 5 Jahren noch nie da!! Sie meinte auch noch, ich würde ihr das Schwimmen beibringen und das Radfahren auf dem Bubenrad ihres älteren Bruders usw. In solchen Fällen ignorieren sie ganz gerne die Epilepsie und ihre Risiken...

Langsam werde ich müde, mich rechtfertigen zu müssen und ziehe mich immer mehr "auf meine Insel in gesicherter Umgebung" zurück. Andocken dürfen die wenigstens und für den Notfall steht noch ein Flammenwerfer parat...

Na ja, echte langjährige Freunde habe ich weiterhin, deren Aussage sollte ich in goldenen Buchstaben sticken:

"Es ändert doch nichts!"

mezeg


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