Provozierter Anfall

mezeg, München, Monday, 19.08.2013, 16:44 (vor 4745 Tagen) @ Musica
bearbeitet von mezeg, Monday, 19.08.2013, 16:47

Hallo Musica,

vor dreißig Jahren fuhr ich nicht so viel wie heute. Fast nur zur Schmalznudel und zurück, war damals sogar näher zum Wald, also etwa 16 km.

Wichtig ist natürlich Dein Rad. Tourenrad, für Asphalt und vernünftigen Schotter, gute Gangschaltung, bequemen Sattel, gute Wartung (Bremsen!), ab und zu etwas Öl auf der Kette, gut aufgepumpt. Gepäckträger, um Brotzeit und Liegedecke mitzunehmen. Vielleicht ein fröhliches Quietsch-Tier als Zusatzklingel, um Kinder zum Lachen zu bringen. Ein Kilometer-Zähler motiviert unheimlich...

Auch auf dem Rad kannst Du allerlei verlassene Ziele erreichen. Durch meine Provinz bin ich in Urlaub so kreuz und quer geradelt, daß ich meiner Familie vor Ort - alle mit Autos - erkläre, was sie alles verpasst hatten und doch leicht erreichen. Es gibt bei uns z.B. jede Menge "entgleiste" Bahntraßen oder Treidelpfade, wo Auto nicht fahren können aber Fahrräder. Man glaubt sich in der Landschaftwildnis, im Zauberwald, im kahlen verlassenen faszinierenden Hügelgebiet... und der Bäcker ist nur 5 km entfernt.

Es gab einen Tag, wo ich den ganzen Tag ein Pärchen wieder getroffen habe: Sie fuhren mit dem Auto, ich mit dem Rad am / im Zauberwald von Brocéliande. Bei jedem Punkt Grab von Merlin, Jugendbrunnen, Feen-Spiegel, Tal ohne Wiederkehr usw. mußten sie einen Parkplatz suchen und in den Wald marschieren. Ich radelte zu dem Punkt und zurück. Auf der Straße überholten sie mich irgendwann dann und beim nächsten Punkt das gleiche Spiel. Wir hatten die gleichen Sehenswürdigkeiten gesehen, ich hatte dazu Vogelgesang, kitzelnde Luft auf der Haut, Lichtspiele, Duft der blühenden Ginster, den alten Brotofen, so versunken, daß man ihn vom Auto aus nicht sehen konnte...

Meine Strecken habe ich immer selber ausgedacht, nur die Übernachtungen fest fixiert und zwischen jeder nur eine kurze gerade Strecke, weil ich je nach Lust, Wetter, Möglichkeit hin und her auf Basis dieser Linie fahre. Es ist MEINE Reise, niemand hat sie mir vorgeschrieben, den entsprechenden Höhenrausch kann man schwer beschreiben.

Es gibt auch in Deutschland jede Menge schöne Radwege und -strecken, gut dokumentiert, mit Bewirtung und Techniker bei Bedarf.

Um unbekannten Gebieten zu erkunden, kann man eben nicht auf volle Erschließung rechnen. Wenn ich zu dem Fischerhafen fahren will, wo mein Vater ein Haus hatte, muß ich den Nachtzug, im Paris die U-Bahn, dann der TGV, dann einen Bus, dann einen anderen Bus nehmen. Und die Fahrzeit genau rechnen, die Busse fahren nicht mehr abends. Es ist mir aber wert.

Eine Freundin hat kein Auto, wenig Finanzen und kurvt unheimlich gerne in England, Schottland, Irland. Sie plant gründlich, was sie sehen / erleben will und kommt immer mit vielen Fotos und Erlebnissen zurück. Durch die eigene Planung bekommt ihre Reise einen noch höheren Wert.

Zu Fuß oder mit dem Fahrrad geht es entschieden langsamer als im Auto aber man erlebt es viel tiefer.

mezeg

P.S. Überlege gerade, ob ich nicht irgendwann im Isar-Tal kurven möchte. Von Wolfratshausen bis Ismaning kenne ich, aber davor und danach...


gesamter Thread: