Kinodokumentarfilm "Heil dich doch selbst"

spacelad @, Schweiz, Samstag, 23.04.2022, 14:39 (vor 28 Tagen) @ Dokumentarfilm / Heil dich doch selbst
bearbeitet von spacelad, Samstag, 23.04.2022, 14:49

Ich werde einige Gedanken niederschreiben, die vielleicht einige provozieren könnten. Aber lese zuerst meinen ganzen Beitrag, bevor du urteilst.

Leider habe ich momentan nicht die Möglichkeit, diesen Dokumentarfilm zu sehen. Ich wäre sehr daran interessiert. Alles, was ich darüber lese, löst bei mir ein sehr zwiespältiges Gefühl aus und erinnert mich an einen längst vergangenen Lebensabschnitt. Ich weiss also nicht so recht, was ich von diesem Film halten soll?

"Heil dich doch selbst" ist ein Titel, der mir wirklich die Galle hochkommen lässt. Aber wahrscheinlich ist es genau die Absicht der Filmemacherin, dies zu provozieren?

Ich halte wenig bis gar nichts von religiösen und pesudoreligiösen Verstellungen, wie sie in Schamanismus, Reiki, Homöopathie, Bachblüten, Glaubersalzen und dergleichen zu finden sind. Die Esoteriker werden nun behauten, dies sein keine Religion. Denen möchte ich sagen, dass sie sich einmal unvoreingenommen mit der Definition des Begriffs "Religion" beschäftigen sollten.

In meiner Verzweiflung habe ich vor 30 Jahren viel zu viele alternative Methoden ausprobiert. Die meisten von ihnen waren nur geldgierige Quacksalber und Lügner. Leute, die reines Wasser, Zucker oder Alkohol als Medizin oder Heilmittel verkaufen, gehören nach meiner heutigen Meinung hinter Gitter, weil sie viele Menschen von echter Hilfe abhalten. (Meine provokative Meinung.)

Nach einer Kette von vielen Enttäuschungen kam ich an einen Punkt, an dem ich beschloss, meine Epilepsie so rational anzugehen wie ein technisches Problem bei meiner Arbeit. Das hatte mir geholfen, und ich distanzierte mich von den meisten alternativen Methoden. Ich bin Ingenieur (PHD) und verstehe ein wenig zu viel darüber, wie unser Universum aufgebaut ist. (Physik, Chemie, Teilchenphysik...) Ich möchte nicht behaupten, dass die Wissenschaft alles weiss. Aber sie ist insgesamt viel verlässlicher als irgendwelche Esoteriker und Schamanen.

Nun könnte ich sehr leicht missverstanden werden. Ich bin mir der Grenzen der Schulmedizin durchaus bewusst und sehe die Medizin nicht als perfekt an. Auch ihr gegenüber bin ich kritisch. Ich habe die Grenzen der Schulmedizin selbst immer wieder erfahren. Ich lehne nicht alles ab, was es im alternativen Bereich gibt. Alles enthält ein Körnchen Wahrheit. Aber Versprechungen, die nicht logisch nachvollziehbar sind, kann ich nicht mehr glauben. Wenn mir jemand sagt: "Du musst nur daran glauben und dann..." oder "Du hast schon alles in dir..." oder "Das Universum möchte...", dann laufe ich heute weit weg. Das ist Religion und nicht Realität. Jeder, der schnelle und zu einfache Lösungen verspricht, ist für mich heute nicht mehr vertrauenswürdig. Ich habe zu viele schlechte Erfahrungen mit solchen Scharlatanen gemacht.

Alternative Methoden, die mir und meinem Sohn sehr geholfen haben, sind Ayurveda oder Yoga. Ich habe auch gute Erfahrungen mit Akupunktur und Phytotherapie gemacht. All diese Methoden ergänzen die klassischen Methoden und gehen Hand in Hand mit ihr. Als Flexitarier ernähren wir uns zu 95% vegetarisch. Aber wir leben dies alles nicht religiös. Manchmal essen wir Fast Food oder verkochen etwas, das es im strengen Ayurveda nicht gäbe. Aber gesund und hochwertig zu essen hilft uns beiden sehr. Auch Sport und Bewegung, eine gute körperliche Fitness wirkt sich positiv auf mein Epi aus.

Was mir wohl am meinten geholfen hat, war die Psychotherapie, die ich gemacht habe. Ich habe mich selbst viel besser kennen gelernt. Ich bin mit mir und meiner Vergangenheit ins Reine gekommen, auch mit meinem Epi. Der Psychologe hat mir geholfen, mein Stressmanagement zu optimieren. Das ist ein viel anstrengenderer Weg als ein paar Reki-Sitzungen, um ein Feuer zu tanzen oder Zuckerkügelchen zu schlucken. Im Gegensatz zu all dem Hokuspokus hat sich dadurch jedoch wirklich sehr viel zum Positiven verändert.

Ich bin mir bewusst, dass das, was mir geholfen hat, nicht für alle anderen ebenso gelten muss. Letztendlich muss jeder seinen eigenen Weg finden. Aber eine Wahrheit, die wahrscheinlich universell gültig ist, hat sich für mich nach vielen Treffen unserer Epilepsie-Selbsthilfegruppe und vielen erzählten Lebensgeschichten von Epileptikern herauskristallisiert:
"Es ist meist viel hilfreicher, den eigenen Lebensstil zu ändern, als den Arzt, das Medikament oder die Behandlungsmethode auszutauschen."
(Auch hier gilt: Keine Regel ohne Ausnahme.)

Zu welchem Schluss die Filmemacherin in dieser Doku auch immer kommt, auch sie scheint ein ambivalentes Verhältnis zu alternativen Methoden zu haben. Leider gibt es bereits viel zu viele Filme, die nur für irgendwelche Scharlatane werben und unhaltbare Versprechungen machen. Ich hoffe sehr, dass dies ein Film ist, der ehrlicher und kritischer damit umgeht.


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