Unvernunft und Vertrauen
[zitat=cokie][zitat=Kathrin]Hallo,
ich habe ein Problem, meinem Mann zu überzeugen, wie ungesund sein Lebenswandel ist. Er ist seit seinem vierten Lebensjahr Epileptiker und nimmt auch Medikamente, die die Anfälle jedoch nicht vollständig unterdrücken. Statt sich aber an einen geregelten Tagesablauf zu halten, geht er häufig am Wochenende bis spät in die Nacht weg, hockt den halben Tag vorm Fernseher. Immer Meckern ist blöd und ich weiss mir langsam keinen Rat mehr. Nach seinen Ausflügen kann man mittlerweile die Uhr danach stellen, wann die Anfälle auftreten. Klar dass einem da mal der Kragen platz, denn diese Selbstprovokation ist einfach unverständlich. Trotz diverser Diskussionen will er das einfach nicht einsehen. Weiss jemand Rat?
Vielen Dank
Kathrin[/zitat]
Hallo Kathrin,
da hast du sicher recht und ich kann auch deinen frust verstehen. Hast du ihm denn schon mal DEINE grenzen gezeigt? letztendlich sicher geht es dir hauptsächlich um seine gesundheit, aber es geht doch ein stück weit dabei auch darum das er mit seiner unvernunft auch eure partnerschaft riskiert. Sag ihm doch mal bisherhin und nicht mehr weiter. ich mein sag ihm was du dir eigentlich von einer partnerschaft versprichst und sag ihm das er dabei ist es an bestimmten punkten mit den füßen zu treten und das du das nur bis so und so weit mit dir machen läßt, ansonsten ziehst du konsequenzen für dich. ich mein ich bin weder paartherapheut noch psychologe oder so, aber mir allein würds schon stinken, wenn mein partner immer am wochenende ohne mich ausginge....egal ob mit oder ohne krankheit.... aber gerade wenn er selbst seinen "vergnügungsdrang" nicht kontrollieren kann, wärs doch nicht verkehrt ihr geht zusammen aus und irgendwann kannst du ihn dann auf die weibliche unauffällige art und weise(wissendlächel) zum heimgehen bewegen. Ihr hättet beide vielleicht einen netten abend gehabt und der nächste tag wäre nicht soooo schlimm. - das wichtigste aber ist glaube ich, das gemeinsame gespräch zu suchen - in momenten die nicht gerade spannungsgeladen sind - und einfach eben mal deine eigenen grenzen zu setzen. nicht meckern, nicht ihm zeigen was er für sich falsch macht, wie er sich schadet... sag ihm was dir weh tut, wie er dir und eurer partnerschaft schadet.
viel glück und alles gute cordula[/zitat]
Hallo Kathrin,
der Grund, dass ich auf Deinen Eintrag reagiere, ist dass die Situation bei uns ähnlich war – nur dass ich der Epileptiker bin, meine Frau war in Deiner Situation. Ich habe bestimmte Dinge unternommen – etwa einen Besenbesuch - die für mich enorm wichtig waren (wir lebe in einer Weinregion, da ist das fast schon Heimatpflege) und zwischen uns hat es entweder Streit gegeben oder meine Frau hat stumm gelitten – ihr wäre es am Liebsten, ich tränke nie. Natürlich waren das alles Dinge, auf die man auch verzichten könnte, aber bestimmte Dinge waren und sind für mich wichtig, weil sie für mich etwas mit Lebensqualität zu tun haben. Der Punkt ist: Ich weiß um meine Erkrankung und ich weiß, dass diese von mir eine gesteigerte Sensibilität abverlangt gegenüber den Zeichen, die mir mein Körper aussendet. Hier muss ich meine Grenzen erkennen und diese auch anerkennen, d.h. aber nicht dass ich nicht auch an diese Limits herangehe. Dies kann ich aber nur tun, wenn ich auch das Vertrauen meines nächsten Umfelds habe – etwa meiner Frau. Für mich war es furchtbar, den Eindruck zu gewinnen, sie misstraue mir in diesem für mich so wichtigen Prozess, der ja viel mit sich-immer-wieder-selbst-finden zu tun hat. Die Epilepsie ist ein Teil von mir, also ist es unbedingt nötig, dass die Frau, die ich liebe, mich in Gänze annimmt, also mit meiner „Besonderheit“. Ein zweiter Punkt kam noch erschwerend hinzu: Wir Männer reden eh nicht so viel, und dies wird wohl noch verstärkt durch Dinge wie etwa das Verschweigen am Arbeitsplatz oder die wem-sag-ich’s – Frage generell. Unser Schweigen wird also noch extremer in dieser Situation, in der Dialog angebracht wäre. Hier geht es nun um Epilepsie, d.h. wir reden über Absencen oder große Anfälle. Das heißt aber auch wir reden über Persönlichkeitsveränderung (ich hab erst vor kurzem mit einer Freundin gesprochen, die bei Ihrem Lebensgefährten einen Anfall mitansah: „ich dachte, der tilt völlig aus“) und über etwas das aussieht, als ob man stirbt (so hat es meine Frau beschrieben). Das Betrachten eines Anfalls bei einer geliebten Person ist furchtbar und kann sogar traumatisierend wirken. Von daher ist oft auch auf Seiten der Frau ein für beide gewinnbringender Dialog zu diesem Thema nicht wirklich initiierbar. Dein Beitrag macht nun auf mich den Eindruck, als seid Ihr beide in einer ähnlichen Situation wie wir damals. Es ist nötig, dass Ihr miteinander redet, aber irgendwie klappt es nicht. Du hast das Gefühl, Du leidest und fühlst Dich nicht in ausreichendem Maße ernstgenommen, nicht respektiert. Dein Mann ärgert sich, darüber dass Du ihn „massregelst“- empfindet es als Einengung und als Mangel von Vertrauen. Hierzu noch eine Anmerkung zu Cordula: „die weibliche unauffällige art und weise“ hätte mich total auf die Palme gebracht, weil ich sie als emotionale Keule empfunden hätte. Für mich lautete, die Frage in diesem Moment nicht „gehen wir heim ?“, sondern „vertraut meine Frau mir oder nicht?“ und wenn sie dann verdeckt mit mir spricht („Ihr hättet beide einen netten abend gehabt und der nächste tag wäre nicht soooo schlimm“) dann verschlimmert das nur die verfahrene Situation. Meine Frau und ich hatten damals das Glück, dass wir jemanden hatten, der im Grunde Mediation betrieben hat. Das war super, weil wir so eine verbindliche Vereinbarung für die Zukunft treffen konnten, die zum Einen die Spirale des Schweigens durchbrochen hat, zum Anderen sorgt nun meine Frau für Ihren Selbstschutz und geht z.B. manchmal nicht mit mir in den Besen, weil sie keine Freude daran hätte, wenn sie mir beim „Vierteleschlotzen“ zuschauen müsste. Dafür ist es aber auch in Ordnung, wenn ich allein gehe, weil ich nun weiß, ich habe ihr Vertrauen und sie weiß, ich missbrauche es nicht. Überleg Dir gut, wie Du weiter mit der Situation umgehen möchtest, sie birgt genügend Sprengstoff, um Eure Beziehung zu zerreißen, aber wenn Ihr es schafft, wird das Eure Beziehung enorm bereichern. Du hast Deinen Mann geheiratet, weil Du Ihn geliebt hast, so wie er damals war. Im Umgang mit seiner Epilepsie muss er sich immer wieder selbst finden, was glaubst, wie schön es wird, wenn Du es schaffst, ihn auf diesem Weg zu begleiten. Er braucht Dich als festen Orientierungspunkt in seinem Leben.
Viele Grüße und viel Kraft Euch beiden
Thomas
gesamter Thread:
- Unvernunft -
Kathrin,
09.10.2006, 16:36
- Re: Unvernunft - cokie, 10.10.2006, 11:17
- Unvernunft und Vertrauen - Thomas, 13.10.2006, 14:02
- Re: Unvernunft - Olivia, 13.10.2006, 20:06
- Re: Re: Unvernunft - Olivia, 13.10.2006, 20:21
- Re: Re: Re: Unvernunft - Thomas, 16.10.2006, 16:51