Re: Re: Re: Phobie

Marion44 @, Friday, 21.12.2007, 20:46 (vor 6817 Tagen) @ Lisa

Hallo Lisa,

aber natürlich kenne ich diese Ängste; sogar sehr gut. Ich habe leider viel zu lange die Erkrankung, so gut es ging, zu verbergen versucht, und da ich kein Extremfall bin (also mit sehr hoher Anfallshäufigkeit), klappte es auch überwiegend.

So habe ich z.B. bei einer Island-Rundreise in Gruppe extra auf einem Einzelzelt bestanden und alle wunderten sich darüber, weil es sonst nicht üblich war. Es war mir aber passiert, dass ich ein Jahr davor in einem Hotel einen schweren nächtlichen Anfall hatte und eine Person dabei war, die zwar nett, aber für mich nicht richtig darauf reagiert hat. Es passierte dann zwar auf der Island-Reise nichts, aber es hätte ja....

Ich könnte sicher einen halben Roman über das Verbergen und Verschweigen schreiben, denn ich bin nun schon nicht mehr die Jüngste und früher gab es weder Selbsthilfegruppen noch Internet und für mich keinerlei Austausch irgendwelcher Art. Familiär gab es auch keine Unterstützung und einen Beruf, der für viele ein Traum ist, den habe ich deshalb nach ein paar Jahren aufgegeben. Nun ja, danach habe ich meinen anderen Beruf auch gerne ausgeübt.

Aber so what... heute kann mir das nicht mehr wirklich schaden. Ich habe das Arbeitsleben hinter mir. Aber wer jetzt Anfang 20 ist und noch berufliche Pläne hat...

Also ich denke, dass der Umgang mit der Epilepsie vielleicht nicht mehr so extrem, aber noch immer zu hohen Anteilen problematisch ist. Du siehst ja, wie viele hier nachfragen, ob sie das nun ihrem Arbeitgeber mitteilen sollen oder nicht und was für Konsequenzen das haben kann usw. Es ist bei wachsender Aufklärung noch immer eine stigmatisierte Krankheit und zu der Fremdstigmatisierung kommt dann zwangsläufig die Selbststigmatisierung. Und zu dem Tatbestand der Anfälle kommt dann die Furcht davor und dann die Angst vor der Furcht... und schlimmstenfalls irgendwann Angst- oder Panikattacken, deren Ursache erst ermittelt werden muss.

Das sind dann unsere sog. Sekundärsymptome, die Neurologen, die nicht auch eine psychotherapeutische Ausbildung haben, selten so richtig realisieren. Mir ist es z.B. heute noch unangenehm, wenn ich nur mein Rezept abholen will und die Sprechstundenhilfe das Medikament laut in den Raum ruft.

Aber ich lese hier auch immer wieder, dasss es andere junge Leute gibt, die offener und besser damit umgehen als ich es lange tat. Und es gibt auch Beziehungen und Ehen, die lange halten. Ich z.B. binde es auch heute nicht jedem auf die Nase, aber ich verschweige es nicht so extrem wie früher. Nur so kann Aufklärung auch von Seiten der Betroffenen passieren.

Also Mut und suche Austausch. Diesbezügliche Ängste erzeugen nur weitere Ängste und bevor man irgendwann in sozialer Isolation endet... dann kann man es besser offen mitteilen. Im schlimmsten Fall wenden sich einzelne Menschen ab. Es gibt jedoch auch Menschen, die damit umgehen können - zum Glück!

Beste Grüße und schöne Feiertage!
Marion


gesamter Thread: