Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung?
Hallo koalabär,
du hast insofern Recht, dass Diazepam eines der typischten, bereits am längsten bekannten und häufig gebrauchten Notfallmedikamente bei epilepischen Anfällen ist. Dass es aber das Mittel der Wahl ist, trifft heutzutage nicht mehr vollständig zu. Da die Palette an Antikonvulsiva in den letzten Jahren stark zugenommen hat, gibt es heute verschiedene Notfallmedikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine, mit unterschliedlichen Wirkprofilen, die entsprechend des Anfallstyps und der Situation eingesetzt werden. Unterscheiden muss mann natürlich auch immer, ob es sich um eine Selbstmedikation oder um die Verabreichung durch einen Arzt handelt. Manchmal werden sogar Medikamente wie Keppra intravenös zur Anfallsunterbrechung angewandt. Einzig beim Status epilepticus ist Diazepam noch Mittel der Wahl, dann allerdings durch einen Notarzt i.v. verabreicht.
Dass Tavor/Lorazepam ein Psychopharmakon ist stimmt nicht mehr oder weniger, als es auch für Diazepam zutrifft. Benzodiazepine (zu denen Diazepam und Lorazepam gehören) sind Tranquillazier (Beruhigungsmittel), Schlaf- und Beruhigungsmittel (sedierend und/oder hypnotisch), Anxiolytika (angstlösend) und Antikonvulsiva (krampflösend). Das kommt von ihrem primären Wirkmechanismus, dass sie die GABA-Transmission, also die Freisetzung eines erregungs-hemmenden Botenstoffes im Gehirn verstärken. Alle Benzos binden an die selben Rezeptoren im Gehirn (nämlich den GABA-A-Rezeptor). Der Unterschied zwischen den Benzos besteht darin, wie schnell sie ins Gehirn gelangen, also wie schnell ihre Wirkung einsetzt und wie schnell sie wieder abgebaut und ausgeschieden werden, also wie lang die Wirkung anhält. Unterschiede gibt es auch in der Affinität, also wie stark das Benzo an den Rezeptor bindet und wie stark es dadurch wirkt. Insbesondere die (Plasma)halbwertszeiten(HWZ) sind für die Therapie interessant. Diese besagen nach welcher Zeit die Hälfte der üblichen therapeutischen Dosis abgebaut ist. Sie machen zwar keine direkte Aussage über die Dauer der Wirkung, geben aber gute Hinweise. Hier mal kurz ein paar HWZ typischer Notall-Antikonvulsiva:
Diazepam (Valium): 30-90 h
Clonazepam (Rivotril): 19-42 h
Clobazam (Frisium): 18-40 h
Lorazepam (Tavor): 10-24 h
Midazolam (Dormicum): 1,5-2,5 h
(Quelle: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie; Aktories, Förstermann, Hofmann, Starke bzw. Medizinische Chemie; Steinhilber)
Wie du siehst verbleibt Diazepam mehrere Tage im Körper und wirkt entsprechend auch sehr lange, was sich natürlich einerseits auf die gewünschte Wirkung (die bei einem Notfallmedikament aber nicht so lange anhalten müsste), wie auch auf die ungewünschten Wirkungen, wie in diesem Fall z.B. Müdigkeit bezieht. Das antikonvulsive Potential von Diazepam und Clonazepam ist tatsächlich etwas größer als das von Lorazepam, doch sollte in den meisten Fällen dieses nur bei einem Status ausschlaggebend sein, so dass auf Grund des besseren Nebenwirkungsprofils Lorazepam heute oft bevorzugt wird. Midazolam hätte natürlich eine noch angenehmere HWZ, wirkt aber angeblich stärker hypnotisch und amnestisch (also man hat danach kaum noch Erinnerungen an das Geschehene).
Was deine Warnung vor einer Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr zum Gehirn betrifft, so trifft diese auf alle Benzos bei Überdosierung zu und ist auf eine Atemdepression zurückzuführen, also einer verminderten und/oder flacheren Atmung, weshalb die Gabe höherer Dosen Benzodiazepine insbesondere intravenös immer ärtzlich überwacht werden sollte.
Und wer hat dir bitte erzählt, dass Tavor nicht-epileptische Anfälle auslösen kann? Und was meinst du damit? Es stimmt, dass Benzos in seltenen Fällen allergische Anfälle verursachen können und natürlich steigt das Anfallsrisiko nach Absetzen einer längeren, regelmäßigen Benzo-Einnahme. Aber das gilt für die meisten Benzos (nicht nur für Lorazepam) und tritt nicht bei der (hoffentlich) eher seltenen Einnahme als Notfallmedikament auf. Also, wenn du eine bestätigte Quelle oder einen Erfahrungsbericht hast, würde mich dieser interessieren.
Falls du selbst mit Tavor schlechte Erfahrungen gemacht hast, tut mir das leid. Meine persönlichen Erfahrungen damit sind ganz gut. Jeder Körper reagiert halt anders und ich glaube, "Horrorgeschichten" sollte man nicht verallgemeinern. Dir, falling Flower, wünsche ich, dass du auch mit einem anderen Notfallmedikament als den Diazepam-Zäpfchen zurechtkommst, denn ich stelle mir das wirklich unangenehm vor (hatte es zum Glück nie selbst). Neben den (wie ich finde, total praktischen) Tavor expidet gibt es ja auch noch Rivotril Tropfen und einiges andere.
Viele liebe Grüße 
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- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? -
falling Flower,
18.09.2011, 12:52
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - huge88, 18.09.2011, 14:26
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Gittala, 18.09.2011, 17:12
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Franzi91, 19.09.2011, 21:31
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - gravel, 25.09.2011, 13:03
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Zorro, 30.09.2011, 13:27
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? -
koalabär5,
05.10.2011, 20:10
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - huge88, 06.10.2011, 10:01
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Mondenkind, 06.10.2011, 12:48
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Relaia, 09.10.2011, 22:23
- Mit welchen Notfallmedikamenten habt ihr schon Erfahrung? - Relaia, 09.10.2011, 19:51