Angst vor neuem GM bei Freund

mezeg, München, Saturday, 07.06.2014, 20:12 (vor 4453 Tagen) @ Linchen

Hallo Linchen,

"Zuschauer" war ich nur vor etlichen Jahren, als für mich Epilepsie noch ein Fremdwort war. Es erfolgte bei einer Weihnachtsfeier im Kreis Rotkreuzhelfer! Eigentlich die beste Gelegenheit zu sehen, was passiert, was man machen soll. Der Mann fiel zu Boden, seine Kollegen knieten neben ihm, ohne ihn in keinster Weise zu halten / berühren. Ein Sanka wurde gerufen. Davon ist mir die Grundregel eingeprägt worden: Ruhig bleiben, nicht festhalten, mögliche Verletzungsobjetke aus dem Weg nehmen.

Nun zu mir. Die Anfälle vor der OP erfolgten nachts. Meine Bettpartner - zwei Katzen... :-D :-D - haben jegliche Aussage verweigert. So dauerte es lange, bis das Wort Epilepsie überhaupt verwendet wurde.

Sechs Monate nach der OP fing es nach Absetzen von Keppra wieder an. Aber nun tagsüber. Jedesmal in meiner Wohnung, sozusagen "wann ich es mir leisten kann." Es ging mir wie eine elektrische Welle von rechts nach links durch den Kopf... und ich wachte etwa eine Stunde danach verblüfft aber eigentlich entspannt und erholt im Bett. Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich nicht.

Das dritte und letzte Mal aber war ich nicht alleine, spielte Karten mit einer Tochter am Balkon. Sie hat also alles miterlebt. Daß ich zuerst kompletten Unsinn sprach und dann krampfte. Drehte zwar nicht durch, war aber irgendwie hilflos: versuchte mich am Zungenbiss zu hindern, indem sie mir zuerst zwei Finger (!!! aïe, aïe, aïe!!) dann einen Holzstab in den Mund steckte. Die Nummer des Rettungsdiensts nicht im Kopf. Weil der Sanka nicht kam, läutete sie bei der Nachbarin - die panisch reagierte. Und weil der Sanka immer noch nicht kam, rief sie ihre Schwester - eigentlich Rettungssanitäterin - die kurz nach ihren Sanka-Kollegen ankam und im aufgeregten Befehlston alles dirigieren wollte.

Ich war sehr müde, wollte eigentlich nur ins Bett gehen, wußte, daß ich eben die vom Neurologen ausdrücklich empfohlene AE-Erhöhung am gleichen Abend anpacken müßte - und wollte - und ihn am darauffolgenden Tag aufsuchen.

Weil aber ständig auf mich eingeredet wurde, daß ich ins Krankenhaus gehen muß - besonders seitens der Sanka-Tochter - gab ich schließlich auf, mußte noch erleben, daß diese Tochter mich daran hinderte, eine kleine Ration an AE mitzunehmen.

Die Fahrt dauerte lange, im Krankenhaus wollten sie mich behalten und es dauerte sehr lange, bis sie mich nach Hause entließen, die Sanka-Tochter wollte mich mit dem Auto abholen, ließ sich viel Zeit, forderte während der Fahrt äußerst aggressiv, ich sollte mein Fahrrad aufgeben. Ich war nah dran während der Fahrt aus dem Auto zu springen!

Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mich erholt im Bett wieder gefunden.

Möchte einfach sagen, daß ein GM-Anfall für Augenzeugen sehr belastend erscheint. Aber für den Epileptiker ist Ausgeglichenheit und ruhiges Verhalten unheimlich wertvoll.

Die anwesende Tochter blieb eine ganze Weile auf der Hut, jede Bewegung beobachtend, immer etwas dramatisch auswertend: mir ein Stückpapier vom Küchentisch unter die Augen halten "Hast Du das geschrieben???" Ja, ich amüsiere mich mit der linken Hand das Schreiben zu üben!

Oder in der U-Bahn, weil ich auf eine Bemerkung nicht sofort reagierte: "Bist Du doch noch da??" Ja, meine Aufmerksamkeit war gerade auf etwas anderes gesetzt.

Es hat Zeit gebracht, bis sie mich wieder "natürlich-normal" empfunden hat. Ein Rest-Verdacht bleibt aber wohl unterschwellig...

Versuche Dich zu informieren, was gerade für Deinen Freund gut ist, wie er bei einem GM reagiert, was Du machen kannst oder ebe nicht solltest.

Ich wurde auch auf Lamotrigin eingestellt, emotional widerwillig, obwohl ich rational wußte, es muß sein. Etwas rauf und runter. Nun nehme ich seit 2 Jahren 125 - 0 - 100mgr. Die Nebenwirkungen inwischen weitgehendst abgeschwächt, seit bald 2 Jahren keine GM mehr, nur hier und da nach starkem emotionalen Streß Aura oder "speech arrest". Ich nehme es nicht mehr tragisch, erwarte aber, daß man akzeptiert, wie ich bin.

Viele soziale Kontakte sind durch die Epilepsie schon verloren gegangen. Wohl den Spreu vom Weizen trennen... Für Deinen Freund ist esunheimlich wichtig, wenn gerade Du Ruhe bewährst und für ihn den bekannten "Fels in der Brandung" bist!

Alles Gute

mezeg


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