Bewerbung
Hallo Mondenkind,
gar nicht so schlecht, sich mit einer Fachfrau zu unterhalten. Denn das, worüber wir sprechen, ist Teil Deines beruflichen Inhalts, oder? Dennoch finde ich den Dialog gut, weil es uns damit vielleicht gelingt, Dritte in die Diskussion zu bringen. Müsste eigentlich möglich sein, da meine Statements nur laienhafter Natur sind.
Wir alle wissen, dass man nicht lügen darf. Es ist in den Zehn Geboten inhaltlich zwar nicht verankert, aber man sagt nicht umsonst, „Lügen haben kurze Beine.“ Bei Verträgen, auch Arbeitsverhältnisse gehören dazu, sprechen wir von Arglist. Dabei kann der Tatbestand des Strafrechtlichen erfüllt sein. Selbst wenn es nicht unter Strafe gestellt wird, kann es bei der Erfüllung von Verträgen zu Schwierigkeiten kommen.
Das große Problem bei der Mitarbeitereinstellung ist, dass man den Bewerbern nur immer bis vor den Kopf sehen kann. Was darin vorgeht, weiß man nicht. Zu Deiner Frage. Natürlich kann man alles planen. Man kann planen, Kinder zu bekommen, man kann planen, den Chef übers Ohr zu hauen, und man kann planen, nach kurzer Zeit wieder zu gehen. Planen darf man Gutes und Böses.
Ein Fallbeispiel zur Schwangerschaft. Ich habe vor Jahren eine junge Frau eingestellt. Am Abend des ersten Arbeitstages sagte sie mir, dass sie im vierten Monat schwanger sei. Ich habe sie sofort herausgeworfen und ihr gesagt, dass das mit mir nicht machbar ist. Sie hat sich einen Anwalt genommen und ist vor Gericht gezogen. Und hat Recht bekommen. Für sie habe ich über 4 Monate Gehalt bezahlt, den Urlaub bezahlt und jede Menge Rechtsanwalts- und Gerichtskosten. So hat mich diese Person tausende DM gekostet, obwohl sie nur einen Tag beschäftigt war. Ich musste ihr sogar für diese Zeit ein Zeugnis ausstellen. Damals hatte Deutschland noch Millionen Gastarbeiter, Arbeitgeber hatten alle Möglichkeiten. Heute ist so etwas undenkbar.
Wenn Du nicht Auto fährst, kannst Du genauso gut umweltbewusst sein oder dir ein solches Fahrzeug nicht leisten können. Armut ist keine Schande. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass Du in Deinem Beruf öfter mobil sein musst als ein reiner Büromensch. Eine Bekannte von mir arbeitet auch in Deinem Beruf und macht Deine derzeitige Arbeit. Sie arbeitet für die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt und hat den Auftrag, schwervermittelbare, psychsich gestörte Menschen in den Arbeitsprozess zu integrieren. Für die Ausübung dieser Arbeit ist das Autofahren erforderlich. Sie klagt nicht leicht, findet aber, dass es ein sehr stressiger Job ist.
Ich gehe davon aus, dass Du dich ausschließlich auf Stellen bewirbst, deren Aufgabenstellung Du auch nachkommen kannst. Alles andere wäre paradox. Erst wenn der Arbeitgeber alles von dir weiß und der Meinung ist, die und sonst keine, wird der Ausweis ihn nicht davon abhalten, dich einzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass aus solchen Konstellationen sehr „gesunde“ Arbeitsverhältnisse entstehen können. Hier Beispiele zu nennen, würden den Rahmen sprengen.
Wenn es irgendwie möglich ist, sollte man den Ausweis verschweigen und auf die Rechte daraus verzichten. Besser diesen Status als eine Leben ohne Arbeit. Außerdem ist späterhin noch alles möglich.
Gute Zeugnisse sind wichtig, aber nicht das A und O bei der Fragestellung, „nehme ich den Mitarbeiter oder nicht?“ Wenn das Gesamtpaket zuviel Mängel hat und dem Arbeitgeber zuviel abverlangt, kommt es nicht zum Arbeitsvertrag. Es ist normalerweise ein Leichtes, sich gedanklich auf die Seite des Arbeitgebers zu versetzen. Leider kenne ich genug Leute, die Deinen Beruf haben und den Billiglohn in privaten Einrichtungen ablehnen (was ich richtig finde), sie leben überwiegend vom gesetzlichen Mindesterhalt.
Ich habe ein kürzlich erschienenes Buch gelesen, dessen Titel und Autor ich nicht mehr kenne. Auch er litt unter Epilepsie. Und dann kam noch der Krebs hinzu. Er ist der Meinung, dass Krebs, Rheuma und Diabetes „salonfähige“ Krankheiten sind, von ihnen kann man überall erzählen, die Epilepsie gehört leider nicht dazu. Es wird noch lange dauern, bis es diese allgemeine Fehleinschätzung der Anfallskranken nicht mehr gibt.
Wer heutzutage als Arbeitnehmer den Wunsch hat, seine Meinungsfreiheit nicht zu verlieren, muss das teuer bezahlen. Ich sehe es an einer Bekannten, sie hat ewig studiert und kann eigentlich auch nur beim Staat arbeiten. Weil sie das nicht möchte, weil sie meint, damit ein Teil ihrer Identität aufzugeben, arbeitet sie für einen Hungerlohn.
Fazit: Ich würde den Schwerbehindertenausweis solange verschweigen, wie es irgendwie möglich ist. Ich wünsche dir viel Erfolg.
Viele Grüße
Anton
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