Nachteilsausgleich

flöckchen69, Friday, 03.02.2012, 07:00 (vor 5310 Tagen) @ Harry

Hallo Harry´s Mama,
Ich trau es mir ja gar nicht zu schreiben. Ich bin absolut keine überempfindliche Mutter. Aber bei Julian ist so viel schief gelaufen.
Muss mal ganz von vorne anfangen. Vielleicht hilft dir das bei deinem Sohn auch ein bisschen.
Julian hat nicht nur Rolando-Epilepsie, sondern auch AVWS = Auditive Verarbeitungs und Wahrnehmungsstörung. AVWS Kinder hören normal, können jedoch Hintergrundgeräusche nicht filtern , d.h. das Gehirn nimmt alle Umgebungsgeräusche gleich wichtig. Beispiel: Bei einer Unterhaltung brummt die Heizung, oder mehrere Leute in einem Raum unterhalten sich. In der Schule kramt ein Kind im Federmäpchen und der Lehrer spricht.
Hausaufgaben machen und die Waschmaschine läuft. Kinder mit AVWS müssen sich mehr konzentrieren um den Unterrichtsgeschehen zu folgen. Wird es zu viel, werden sie entweder zappelig und unkonzentriert oder sie klinken sich aus. AVWS und Rolando-Epilepsie stehen oft in Zusammenhang. AVWS Kinder haben ausserdem Probleme mit dem Richtungshören. Sie können nicht erkennen aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Beispiel: Kilian ruft mich, ich in der Küche,Julian flitzt durchs ganze Haus und sucht mich.Oder auf der Straße ein Auto kommt von rechts, Motorgeräusch wird aber links wahrgenommen. Ausserdem ist die Hör-Gedächtnisspanne verkürzt. d.H Kinder können beispielsweise bei einem Diktat sich nur maximal 4 Wörter hintereinander merken. Wir hatten in der Grundschule das Problem, Grammatik 1 Diktat 6.Wär vielleicht interessant, wenn du bei deinem Sohn auch mal in diese Richtung forscht.Telefonieren ist für Julian schwierig.Staubsaugergeräusch unerträglich. Da jeder Hörtest unauffällig ist, wird AVWS oft nicht erkannt. Und die Kinder leiden vor sich hin.
Julian ist aufgrund seiner AVWS in einer Schule für Kinder mit Hörbehinderung, normaler Schulstoff, wie an einer Regelschule. Nur kleinere Klassen. 1. und 2. Klasse waren super, tolle Lehrerin, wusste 100% über AVWS Bescheid. Julian wurde gefärdert und auch gefordert. Julian hat zu dem noch einen überdurchschnittlichen IQ.
3. und 4. Klasse waren die Hölle. Lehrerin hatte überhaupt keine Ahnung von AVWS. Da es eine Integrativklasse war, d.h. die Hälfte der Schüler waren Kinder ohne Hörbehinderung wurden nur die Kinder ohne Förderbedarf gefordert, um sie ins Gymnasium zu bringen. Julian wurden AVWS typische Eigenheiten als Charakterschwäche ausgelegt. Diktate gnadenlos durchgezogen. Für AVWS Kinder ist es superwichtig frontal zum Lehrer zu sitzen, weil sie teilweise von den Lippen ablesen. Nein,Julian saß seitlich zum Lehrerpult. Blickrichtung zum Fenster. Die Lehrerin aus der 1.Klasse hat uns darauf aufmerksam gemacht. Da gibt es 1000 solcher Geschichten.
5. und 6. Klasse liefen einigermaßen gut, aber Lehrer ging auch nicht so recht auf AVWS ein. In der 5. Klasse kam dann der erste Rolando-Anfall. Anfang 6. Klasse kam Ospolot dazu.
Jetzt ist Julian in der 7. Klasse Hauptschule. Lehrer geht gut mit AVWS um, Noten verbesserten sich drastisch. Ende der Weihnachtsferien hatte er Brechdurchfall, fehlte ersten und zweiten Schultag. Medikamentenspiegel wackelte. In dieser Woche zwei wichtige Proben, da er in den M-Zug möchte. Lehrer zog im 2 Punkte in der Matheprobe ab, weil er unsauber schrieb. Statt ner 2 gabs ne 3. M-Zug versaut. Tja und jetzt fängt die oben geschriebene Geschichte an.
Liebe Harry´s Mama vielleicht findest du irgendwie deinen Sohn hier wieder. Google dich mal bisschen durch AVWS.

Liebe Grüße
flöckchen


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