Aphasie / Dysphasie?

mezeg, München, Saturday, 19.05.2012, 18:22 (vor 5203 Tagen) @ mascha

Hallo Mascha,

bei mir wird es auch konfus, wenn ich jemandem zuhöre. Oft fängt es mit einer "verschwommene Erinnerung", die mich voll in Anspruch nimmt, ich verliere den Boden unter den Füssen. Manchmal kann ich abwehren, durch die Mehrsprachigkeit (und das Alter...) wurde es mir von Fremden abgenommen, Freunde und Verwandschaft kennen mich aber zu gut. Allerdings ist es mir einmal passiert, im Gespräch mit einem eng Vertrautem und Freund, nebenbei unserem Familienarzt seit über 40 Jahren. Habe ihn erst am Tag danach gefragt, weder er noch seine Frau hatten etwas bemerkt, er hätte mich sonst al Arzt sofort angesprochen.

Gestern war es äußerst deutlich, der Freund merkte es auch sofort. Wir hatten uns seit der OP nicht mehr gesehen aber mit e-mail korrespondiert, er wußte Bescheid. Meinte am Anfang vom Gespräch, dass ich wie immer flüssig rede. Er fragte, ob ich noch einen Nebenjob hatte, dann kam mir eine "verschwommene Erinnerung" und ich konnte trotz fieberhaften Versuchen die Wörter nicht finden. Ich weiss, dass ich Tai Ji und Qi Gong "gefühlt" habe, konnte aber nur stammeln (wenn überhaupt). Der Freund blieb ruhig-freundlich und sagte "Lass Dir nur Zeit, ich gehe dabei zur Toilette". Dann war alles wieder in Ordnung.

Den Faden habe ich eigentlich nie verloren, wenn auch nicht mehr sinnig. Bei dem ersten (richtigen) Anfall ging es um Ricchi & Poveri, beim Arzt ging es um besondere Salatsorten. Bei mir sind es nicht unbedingt emotionale Themen, es kommt aber mit Zeitvezögerung NACH einer Emotion oder Stress. Der Neurologe meint, Anfälle / Auras erfolgen in der Relax-Phase.

Mir geht es immer besser, wenn ich abgelenkt bin und ich weiss ziemlich gut, was mic belastet, also in der Zeit danach ist Vorsicht geboten. Wie geschrieben, ist "gute" Ablenkung immer günstig. Als ich nach dem dritten Anfall ins Krankenhaus gefahren wurde, wurde mir übel, die Brechschale lehnte ich ab aber bat den Sanitäter mir irgendwas harmloses zu erzählen. Er fing sofort und mit absoluter Natürlichkeit über seine Erfahrungen als Tourist in Paris. Ich bin zwar "nur" Provinzlerin aber mit diesem Thema konnte ich sofort einsteigen und mitreden, die Übelkeit war vergessen.

Als Ablenkung ist mir auch Musik sehr wichtig, nicht immer die gleiche, je nach Stimmung. Auch ein Treffen mit netten Freunden, vielen Verwandten (leider nicht allen!), die sehr wohl über die Situation informiert sind. Es wird vielleicht auch darüber geredet, aber nur beiläufig. Habe mich auch bei der italienischen Konversation (Senioren) geoutet, es wurde mit Neugier, Interesse, Mitgefühl (aber keine Gefühlsduselei) aufgenommen. Unser gegenseitiges Verhalten ist jetzt vollkommen "normal", für mich immer Freude ohne Bedenken.

Das allerbeste Gegenmittel für mich ähnelt Deinem Ritt auf Pferd durch schöne Landschaft, mein "Pferd" (oder besser "Pferde") ist ein Drahtesel, ich bin begeisterte Genuß-Radlerin, routiniert, lange Strecken auch möglich (letztes Jahr insgesamt 9.1080 Km) aber nie mit rasender Geschwindigkeit, ich will doch die Landschaft sehen und genießen. Wozu Tabak, Alkohol, Drogen? Auf meinem Rad bin ich high, die Welt liegt mir zu Füßen. Darum hatte ich auch immer gesagt, dass ich es mir nicht verbieten lassen. Der Neuro-Chirurg, der mir den Schädel aufgebohrt hatte, radelt auch und sagte, bei temporaler Epilepsie sei das Risiko minimal, ein Anfall meldet sich sowieso vom Magen herauf, die Rolle der Lebensqualität darf nicht unterschätzt werden, Radfahren ist gesund! Und auf dem Rad hatte ich nie Probleme.
Ich bin heute 58 km geradelt, mit Foehn-Panorama über die Alpen, ich bin selig...

Streichle Dein Pferd für mich!
Mezeg


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