Re: mein freund, seine epilepsie und ich, bitte um hilfe u rat.

Thomas @, Monday, 27.08.2007, 09:13 (vor 6934 Tagen) @ Amila83

Hallo Amila83,

[zitat=Amila83]ich hoffe jemand antwortet und kann mir rat geben.
[/zitat]

Ich versuch es mal:
Ihr steht gerade vor einer doppelten Herausforderung: Beide solltet Ihr zusammen bewältigen, aber eine liegt mehr bei Deinem Freund, eine mehr bei Dir: Ich fange bei Deinem Freund an:
[zitat=Amila83]mein freund möchte sich durch die epilepsie sein leben nicht " versauen " lassen, sagt er..
[/zitat]

Da hat er ja grundsätzlich recht. Aber Epi "taugt" in den meisten Fällen auch nicht zum Leben versauen.

[zitat:Amila83]er will nicht zum arzt deswegen, weil er angst hat den führerschein zu verlieren....

er fährt nur kurze strecken u nur wenn er fit ist, [/zitat]

O.k. Erstmal: Wenn er nicht zum Arzt geht, wer hat denn dann die Diagnose gestellt? Ohne Arzt geht es nicht - und die Gefahr für ein halbes oder auch für 2 Jahre den Führerschein ruhen zu lassen (und danach explizit die ärztliche Erlaubnis für den Führerschein zu bekommen!), ist für Deinen Freund sicher angenehmer als mitten in einem Anfall in eine Gruppe Passanten zu fahren... Übrigens gibt der Arzt den Entzug des Führerscheins in der Regel nicht an die Polizei weiter (das ist nur eine Sache zwischen Arzt und Patient) - wenn die Polizei aber aufgrund eines Anfall-Unfalls den Führerschein einzieht, wird er um den "Idiotentest" nicht herumkommen!

[zitat:Amila83]er sagt er möchte nicht anders behandelt werden wegen der krankheit.[/zitat]

Er hatte eine neue Komponente seiner Persönlichkeit kennengelernt, die er noch nicht kannte - jetzt ist er erschreckt und versucht, das alte Ordnungsmodell aufrechtzuerhalten. Er muss erst lernen, dabei auch einen gesunden Weg zwischen Selbstbestimmung und Rücksichtnahme auf sich und andere (etwa Dich) zu finden.

[zitat:Amila83]seine eltern wissen nichts von den zwei anfällen [/zitat]

Hallo? Meines Erachtens sollten sie das. Aber ich kenne die Vorgeschichte nicht zwischen Deinem Freund und seinen Eltern - also halt ich mich zurück.

Dein Freund geht noch nicht wirklich mit der Diagnose (es gibt doch eine?) um, er versucht sie zu verdrängen, obwohl er weiß, dass das nicht geht. Letztendlich macht ihm die ungewohnte Situation, in der er einfach "weg" ist, Angst. Es ist gut, wenn er Dich da an seiner Seite weiß, dann braucht er nicht nur stark sein.

Er kann auch nicht einschätzen, wie einer seiner Anfälle auf andere wirkt - er kriegt sie ja nicht mit. Für Ihn ist das völlig harmlos - Licht aus, Licht an. Er wird mühsam lernen müssen, dass er dabei bei anderen Angst erzeugt (ich hab mehrere Jahre für diesen Lernvorgang gebraucht). Und das bringt mich zum zweiten Punkt, zu dem, der mehr bei Dir liegt:

[zitat=Amila83]Ich hätte keine ahnung gehabt was ich machen soll.[/zitat]

Was ganz wichtig für Euch beide ist, ist Information - Epi ist in den allermeisten Fällen eine wirklich harmlose Sache, aber sie hat einen ziemlich miesen Ruf. Es ist wichtig, dass Ihr wisst, was passiert bei einem Anfall und wie ggf. die erste Hilfe aussehen kann. Das gibt Euch beiden Sicherheit.

[zitat=Amila83]
er trinkt alkohol u feiert viel, er ist 20. ich habe solche angst, dass er die krankheit nicht ernst genug nimmt. [..]
ich habe seit den zwei anfällen innerhalb von 3 wochen jedesmal solche angst, wenn er nicht gleich reagiert oder nur dasitzt.. ich denke dann jedes mal: oh gott, wieder ein anfall... mir zerreißt es jedesmal fast das herz... es ist ein komisches gefühl.. ich habe auch schon geweint deswegen..
[/zitat]
Das ist schlimm - aber das ist genau das, was ich oben geschrieben habe: Wenn man einen Unfall hat, hat man eventuell ein Trauma. Was wir Epileptiker und unsere Angehörigen erst lernen müssen, ist, dass der, den Anfall hat, nicht der ist, der nachher das Trauma bekommt.
Du solltest mit ihm über Deine Ängste sprechen, und ihm klarmachen, dass Du Dir Sorgen machst, mach ihm auch klar, dass Du leidest, denn dass tust Du! Du leidest mehr als er - er ist in erster Linie verwirrt darüber, dass die anderen so einen Aufstand machen.[/zitat]

Ich möchte Euch beide bitten, zum Arzt (am Besten zum Epileptologen) zu gehen - am Besten zusammen. Dort gibt es viele Infos und ihr könnt Eure Fragen stellen. Dann könntet Ihr in eine Selbsthilfegruppe - die sind vielerorts auch für die Angehörigen. Und was ich auf jeden Fall empfehlen kann, ist eine MOSES-Schulung, die einem das normale Leben mit Epi erklärt. Aber all das setzt zwei Dinge voraus - dass Ihr beide die Epi als genau so natürlichen Teil Eures Lebens und Eurer Beziehung akzeptiert wie Deine Regelblutung.

Zu Deinen Fragen:
[zitat=Amila83]es ist aber doch nicht gut wenn dieses anfälle so oft vorkommen.. oder?[/zitat]
Generell gilt schon: Desto weniger Anfälle, desto besser. Das liegt aber vor allem daran, dass das Gezucke anstrengend ist - er sollte seine Erholungsphasen kriegen - jetzt hatte er zwei Anfälle in drei Wochen. Das ist nichts, was schlimm ist.

[zitat=Amila83]er trinkt alkohol u feiert viel, er ist 20. [/zitat]
Darf er, mach ich auch - er sollte nur erstens das Risiko kennen und zweitens seine Grenzen achten - wenn er das beachtet, kannst Du auch Vertrauen haben in ihn, egal, ob er feiert. [/zitat]

[zitat=Amila83]wie ist das eigentlich? was passiert am ende? bei jedem anfall gehen ja gehirnzellen verloren.. kann es passieren, dass er mich irgendwann vergisst? das er mich nicht mehr erkennt?
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Das ist eine der Mythen, die immer wieder gerne hochgekocht werden. In der Regel sterben keine Gehirnzellen bei Anfällen. Gelegentlich kommt das vor bei intensiveren und längeren Anfällen - aber nur ungefähr in dem Ausmaß, wie die Zellen absterben, wenn wir ein Glas Wein trinken - und das ist nichts, was unser Gehirn nicht ausgleichen könnte.
Er wird Dich immer kennen und erkennen. Du kannst den ANfall mit einem Computerabsturz vergleichen - das System geht komplett off-line, weil irgendwo ein Befehl im Kreis läuft, aber sobald man wieder neu startet, ist alles wieder da, was vorher gespeichert war.[/zitat]

Wenn Du weitere Fragen hast, kannst Du sie gerne posten, Du darsft mir aber auvch gerne mailen - einfach auf meinen Namen klicken.

Viele Grüße

Thomas


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