Re: Epilepsie-Wie geht es euch nach-und während eines Anfalls

cokie @, Tuesday, 11.12.2007, 12:19 (vor 6828 Tagen) @ Teks

Hallo Teks,

also erstmal ich bin selbst Epileptikerin, hab das wohl schon in der Schulzeit gehabt, wurde aber erst danach diagnostiziert, hab dennoch mein Abi gemacht. Meine Töchter sind auch Epileptiker. Die älteste hatte durch Absencen Konzentrationsschwierigkeiten, dann kam noch Legasthenie dazu und trotz gewaltig hohem IQ hats aus verschiedenen anderen Gründen nur zum Hauptschulabschluß gereicht. Ihr "Hauptproblem" ist und war die Konzentration und das nicht Wahrnehmen des Problems durch die Umwelt - kann aber auch nicht, denn keiner bemerkt Absencen zumal sie sie selbst so gut wie möglich kaschiert (tu ich selbst in der Öffentlichkeit übrigens auch) ABER dann fehlt einem eben ein Stück vom Schulstoff. Dadurch fühlt sie sich oft daneben im wahrsten Sinne des Wortes, hat aber eine sehr sehr soziale Ader entwickelt und meint immer und stets und ständig für alle anderen da sein zu müssen - vielleicht weil im entscheidenden Moment niemand für sie da ist... Meine Jüngste ist eine sehr gute Schülerin. Sie lernt sozusagen im vorbeigehen. Mathematik hat sie in der 2. Klasse bereits den Stoff der 3. Klasse gemacht und jetzt in der Klasse bat mich die Lehrerin einen IQ-Test machen zu lassen und verwies mich mit ihr an die Kinder-uni.... Sie löst Aufgaben von denen sie nie was gehört hat und erklärt mir das sei logisch - da stellen sich mir die Haare zu Berge, hört klassische Musik und erkennt Vivaldi wenn er bei einer Ballettaufführung gespielt wird... Sie ist 9. Sie hat zusätzlich zur generalisierten Absencen-Epi die meine Älteste und ich auch haben noch eine fokale Temporallappen Epi links und die behandelnde Epileptologin meinte der linke Temporallappen sei zuständig für mathematische und musikalische Begabung... Okay soweit. Aber sie hat unerträgliche Kopfschmerzen wenn sie wieder einmal das Empfinden hat alles ringsumher ist viel viel zu laut und wie das alles mal wird, wie sich dieses fokale Dings entwickelt wissen wir noch nicht. Die Nebenwirkungen von den Medikamenten halten sich bei ihr noch in den Grenzen was die Auswirkungen auf ihr Allgemeinbefinden und somit auf den Schulalltag betrifft.
Aber ich will deine Frage mal von einer anderen Seite her beleuchten. Du sprichst vom pädagogischen Alltag... Meinst du vielleicht auch wie es wäre wenn ein Lehrer Epilepsie hat??? Ich habe hier im Forum schon öfter Fragen gelesen, das jemand mit Epi auf Lehramt studiert und dann überlegt ob er auf seinem Weg zur Verbeamtung seine Krankheit angeben muß. Ich habe da so meinen eigenen Standpunkt und zu dem stehe ich immer noch. Ich glaube das es weder für den Lehrer noch für die Kinder gut ist wenn der Lehrer mit einem Grand mal Anfall vor der Klasse zusammen bricht. Mal von der Verantwortung abgesehen die er zum Beispiel bei einem Klassenausflug überhaupt nicht übernehmen kann und darf! Passiert dem epilepsiekranken Lehrer da auch nur eine Absence während er die Schüler über eine Straße leiten soll, er übersieht auch nur ein Auto, die Kinder verlassen sich auf ihn... ich will den Faden gar nicht weiter spinnen. Aber bleiben wir bei dem Beispiel großer Anfall vor der Klasse. Ich weiß wie wenig informiert Direktoren,Lehrer und alle anderen über Epilepsie sind. Und erst recht unsere Kinder. Nach diesem angenommenen Anfall würde zuerst ein Chaos ausbrechen und danach eine regelrechte Hetzjagd von Lehrern, und vorallem Eltern der Schüler auf den betroffenen Lehrer. Es wäre ein unendlich nervtötendes Dilemma. Ein Gezeter um nichts. Leider so ist es bei uns. Mal von dem Schrecken den die Kinder in dem Moment haben, abgesehen, denn das könnte man durch Aufklärung ganz leicht beheben. Aber bei uns wird lieber weg gesehen als aufgeklärt. Ich erscheine hier vermutlich sehr verbittert und bösartig. Aber das hat seinen Grund. Ich habe bei uns in der Grundschule die sich im übrigen "Integrationsschule" nennt Aufklärung versucht. Da ausser meiner Tochter noch andere Kinder mit Epilepsie an dieser Schule sind habe ich der Direktorin ein Informationsgespräch zuersteinmal für die Lehrer vorgeschlagen, ihr auch angeboten meine Neurologin dazuzuholen. Die Direktorin wußte selbst nicht wie sich Absencen äußern und hat mich galant aus ihrem Büro komplimentiert da ihrer Meinung kein Bedarf an sowas besteht! An dieser Schule werden Kinder mit Behinderungen durch Diplompädagogen gefördert. Andrerseits werden den selben Kindern von der Religionslehrerin(!) Strafarbeiten verpasst weil sie aufgrund ihrer Behinderungen zu langsam sind. Das ist der reale Schulalltag. Da haben es nicht nur Kinder mit oder ohne Epilepsie schwer, da sollte jeder der sich überlegt als Epileptiker Lehrer werden zu wollen ob er das verantworten kann. Und im übrigen fühle ich mich nach einem großen Anfall orientierungslos und müde - nicht so das ich vor einer Klasse stehen und unterrichten oder die Verantwortung für Kinder anderer Leute übernehmen könnte.
Viel Glück für das was du vor hast Tecks!
Liebe Grüße Cordula


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