Bachelorarbeit zum Thema Epilepsie

mezeg, München, Sunday, 06.07.2014, 11:20 (vor 4424 Tagen) @ podi

Hallo Podi,

Von Epilepsie wurde ich erst als Rentnerin getroffen. Ich weiß das Glück zu schätzen, mich nicht durch das ganze Leben deswegen zu quälen. Andererseits bröckelt ein lang / sehr lang exitierendes soziales Umfeld auf einmal zusammen.

Von Ehrenämtern (Besuchdienst im Krankenhaus, Fahrradclub, Ausflüge mit einem Mädchen aus schwierigen Verhältnissen u.ä.) ohne Rücksprache schroff abgelehnt. Kontakte mit "Kollegen", sowie das Gefühl noch nicht als "nutzlose Alte" zu gelten - verloren. "Freunde", die sich nicht mehr melden, ablehnende Angehörige: meinen Enkel darf ich nicht ohne strenge Aufsicht sehen, eine Schwester schleudert mir ins Gesicht "Du bist behindert, ich bin die einzige Normale!"

Dann kam die Trotzphase: "Ich habe Epilepsie, laßt mich gefälligst in Ruhe!" und habe mich auf meiner Insel zurückgezogen.

Langsam wieder ein neues Umfeld aufbauen. Echte Freunde, die dabei geblieben waren und mit mir wie früher umkehren. Bekam einmal ein "Alarm-Signal" in einem sauerstoffarmen lauten Festzelt, wurde mir Hilfe angeboten aber akzeptiert, daß ich nur alleine in die frische Luft fliehen will. Kontakt zu neuen Gruppen aufgenommen, wo ich die Epilepsie zuerst verschwieg. Beim italienisch Kurs doch dann angegeben, weil meine Auras sich meist mit "speech arrest" - also sprachlastig - zeigen. Frage der Lehrerin: "Wie sollen wir uns dann verhalten? Dich in Ruhe lassen? O.K. ich weiß Bescheid" Thema abgehackt, den Kurs kann ich genießen.

Schach-Treffen angesteuert und doch zurückgeschreckt, weil ich Angst hatte, durch die Anforderung Epi-Probleme zu bekommen. Der zuständige Sozial-Arbeiter wußte nichts von der Epi, überzeugte mich ruhig-freundlich ein Spiel mit ihm zu machen. Abgehackt. Ich gehe sehr gerne zur Gruppe, muß nicht gewinnen, mache aber den Gegnern viel Ärger. Durch das Vertrauenverhältnis kam ich dazu mit dem Sozial-Arbeiter "darüber" zu reden, an die Verhältnissen hat es nichts geändert und jetzt wurde ich um Unterstützung für deren Straßenfest angefragt.

Als Leih-Oma wurde ich abgelehnt, weil mir die Hausärztin das verlangte Attest nicht unterschreiben wollte. Der Neurologe lehnt dieses Attest ab, weil es eine 200% Gesundheitsgarantie gegen alle möglichen Krankheiten verlangt, schrieb mir ein eigenes Attest. Damit habe ich mich bei einer integrativen Schule für deren Projekten mit ehrenamtlichen Senioren präsentiert. Das Attest wurde zwar nicht verlangt, aber eben meine Trotzreaktion: "Ihr nehmt mich, wie ich bin, oder Ihr sucht eine Andere"!

In den letzten Monaten habe ich bei denen drei Handarbeitsprojekten mit verschiedenen Klassen durchgeführt, gehöre fast zum Haushalt, die Kinder freuen sich, wenn sie mich sehen, ich experimentiere zu Hause nach einfachen Formen für Kuscheltiere und sonstiges, schlage Ideen für weitere Projekte in deren Pool vor und wurde jetzt für eine wöchentliche "Kreativ-AG" im nächsten Schuljahr angefragt... :-P :-P :-P

Das epileptische Potential ist zwar weiter vorhanden, verblaßt aber durch diese neuen sozialen Kontakte und gerät immer mehr in den Hintergrund und da soll es bleiben! Auch wenn ich unwiderruflich das AE nehmen muß und von Auras nicht befreit bin.

mezeg


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