Korellation von Depression und Ängsten

Steffen_Moritz, Sunday, 12.08.2012, 13:35 (vor 5118 Tagen) @ huge88

Hallo huge88,
danke für die Nachfragen. Ich werde mich bemühen, diese so gut es geht zu beantworten. Gerne nachfragen, wenn etwas unklar geblieben ist. Ich bitte ebenfalls um Verständnis, wenn es mal 1-2 Tage dauert, bis eine Antwort kommt.

"So wie ich das verstehe, zielt das Programm ja auf eine Hilfestellung für von Depression betroffene ab und zwar nicht nur mit dem Ziel den Kreis von nicht direkt in Behandlung befindlicher Patienten abzudecken, sondern auch, damit sich diesen die Möglichkeit bietet, darüber ihre Hemmschwelle, sich zu einem Arzt zu begeben, abzusenken."
deprexis und andere online Programme sind als erste Stufe sog. (gesundheitspolitischer) stepped care Programme zu sehen, bei denen je nach Störungsgrad Selbsthilfe bis hin zu stationärer Therapie angeraten wird. Es wird Personen geben, denen Selbsthilfe reicht, bei vielen anderen nicht und hier kann Selbsthilfe einen Betrag liefern u.a. Vorbehalte gegen personalisierte Therapie abzubauen. online Therapie genauso wie Gesundsheitsratgeber sind aber sicher nicht als Köder zu betrachten.

"Auf die Frage, ob und in wie weit bei Deprexis von Ärzten vorgetäuschte Teilnehmer verwendet werden können, um über gruppendynamische Effekte jemanden zu überreden, sich in professionelle Behandlung zu begeben, erwarte ich keine Antwort von Ihnen, wenn sie denken, dass eine solche zum derzeitigen Standpunkt eine Beeinflussung der Studienergebnisse mit sich ziehen könnten."
Ich sehe diese Gefahr nicht. Wir haben eine krasse Unterversorgung psychischer Störungen in Deutschland und anderen westlichen Ländern. In Schwellen- oder Entwicklungsländern ist die Situation noch dramatischer. Therapeuten können sich kaum retten vor Anfragen und Wartelisten sind meist 6 Monate oder länger. Künstlicher Bedarf muss hier nicht geschaffen werden. Die Verschreibung eines solchen Programms ist zudem nicht lukrativ und wird von etlichen Behandlern auch eher als unliebsame Konkurrenz gesehen.

"Was mich jedoch interessieren würde ist, in wie weit man sich bereits Gedanken darüber gemacht hat, wie möglichst sicher gestellt werden kann, dass über solche digitalen Angebote nicht von Ärzten gesellschaftliche oder kurzfristig persönliche Verunsicherung ausgenutzt werden können, um eigentlich nicht behandlungsbedürftige Menschen zu "überreden", eine Behandlung zu benötigen, was auf Kosten der eigentlich Behandlungsbedürftigen ginge (z.B. ist ja eine gewisse depressionsähnliche, wenn auch zeitlich begrenzte, Phase nach z.B. dem Tod eines nahestehenden Menschens vollkommen normal)."
Diese Frage hoffe ich oben bereits beantwortet zu haben. In früheren Studien waren wir außerdem recht streng mit den Einschlusskriterien und haben sowohl Probanden ausgeschlossen, die definitive Suizidabsichten äußerten (hier wurden Notfallnummern übermittelt) als Probanden mit nur geringen (grenzwertig normalen) Depressionsausprägungen. Das Programm vermittelt Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie, die die meisten gesunden Personen bewusst oder auch automatisch anwenden. Bei einem Nicht-Depressiven werden also schlimmstenfalls "Eulen nach Athen" getragen.

"In wie weit sehen sie das Programm eigentlich auch als einen Zustatz zu einer konventionellen Therapie, um Patienten im Bedarfsfall möglicherweise so eine Art zusätzlichen 24h/7days Zusatzansprechpartner anbieten zu können?"
Ja, das wird auch bereits so gehandhabt. In einer weiteren Studie, die vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird, vergleichen wir und Kollegen guided (gestützte) versus unguided self-help, um zu schauen, ob durch personalisierten Unterstützung ein Mehrwert entfaltet wird.

"Meiner Einschätzung und persönlichen Erfahrung nach steht eine Depression bei uns Epileptikern oft auch sehr eng im Zusammenhang mit Ängsten, welche z.B. eine von der Gesellschaft isolierende Wirkung haben (wenn ich auf aktuellem Stand bin, kann man ja davon ausgehen, dass statistisch doppelt so viele von uns Epileptikern eine Angststörung als eine Depression entwickeln; entschuldigen Sie bitte, dass mir zur Schnittmenge gerade keine Zahlen vorliegen). In wie fern geht Ihre Studie und das Deprexissystem denn auf diesen Punkt ein? In meinen Augen wäre in solchen Fällen nämlich zumindest eine begleitende Therapie der Ängste ebenso wichtig, wie die der eigentlichen Depression."
Ich stimme Ihnen voll zu. Angst und Depression sind häufig miteinander vergesellschaftet, auch bei primärer Depression im übrigen. So haben viele Menschen mit Depression gleichzeitig Zukunftsängste (nur so nebenbei, dafür haben die Amerikaner unser Wort "angst" übernommen) und soziale Ängste. Sollte der Pilotversuch glücken, so wäre für die Zukunft zu überlegen, wie online Angebote wie deprexis oder andere noch besser auf bestimmte Störungsbilder (wie depressive Störungen bei neurologischen Erkrankungen) abgestimmt werden könnten.

Herzlichen Gruß, Steffen Moritz


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